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Sieglinde und Siegmund: Anja Kampe und Klaus Florian Vogt in der neuen „Walküre“, die am Sonntag im Natio naltheater Premiere hat.

Geschwister, Geliebte, Götter und Gene

München - Inzest - Mythos und Biologie: Nicht nur Siegmund und Sieglinde in Wagners „Walküre“ fanden erotisch zusammen.

Zeus und Hera waren göttliche Geschwister – und ein Ehepaar. Die ägyptischen Pharaonen teilten mit ihren Schwestern Thron und Bett. Mit ihrer Amour fou stehen Wagners Siegmund und Sieglinde in Mythos und Geschichte nicht allein. Diesen Sonntag hat „Walküre“ als zweiter Teil des „Ring des Nibelungen“ am Münchner Nationaltheater unter der Regie von Andreas Kriegenburg Premiere. Doch oft müssen die Liebenden für ihr allzu enges Verhältnis büßen. So muss im griechischen Mythos die leidenschaftliche Liebe der Byblis zu ihrem Bruder Kaunos tödlich enden. Denn Inzest war und ist ein starkes Tabu. Schon beim Gedanken daran sträuben sich vielen die Nackenhaare.

Doch warum? Ist der Abscheu das Ergebnis kultureller Prägung – oder liegen seine Wurzeln in der Biologie? Die Forschung hat hier durchaus verschiedene Antworten. So ist offenbar eine gemeinsame Kindheit ein Liebeskiller. Das legen etwa Beobachtungen nahe, die Forscher in Taiwan gemacht haben. Bei den sogenannten Simpua-Ehen wird die zukünftige Braut als Kind von der Familie des späteren Gatten adoptiert. Die Ehepartner lernen sich schon in den Windeln kennen. Eine Folge: Die Ehen werden oft geschieden und bleiben kinderlos. Bei Geschwistern, die getrennt aufwachsen, bildet sich dagegen keine Inzest-Barriere – wie etwa bei Siegmund und Sieglinde.

Doch selbst dann könnten Menschen „vom eigenen Blut“ weniger sexy wirken. Geschwister haben ähnliche Gene – und damit ein ähnliches Immunsystem. Für den Nachwuchs ist das schlecht. Seine Abwehr gegen Krankheitserreger wäre recht lahm. Der Mensch kann das Immunsystem allerdings unbewusst erschnüffeln. Forschungen haben gezeigt: Je gegensätzlicher der Geruch, desto besser können sich Mann und Frau riechen. Auch die Nase verrät uns also, wer nahe verwandt ist. Ähnliches beobachten Wissenschaftler bei Mäusen: Hier verrät der Duft des Urins die enge Verwandtschaft – und das macht unsexy. Denn auch bei vielen Tieren wird Inzest nicht gern gesehen.

Bei Siegmund und Sieglinde schweigen die Nasen offenbar. Viel stärker ist die Anziehungskraft. Gründe dafür sieht die Psychoanalyse in der Kindheit der Wagner-Heroen. „Es kommt zu einer frühen Traumatisierung“, sagt Priv.-Doz. Dr. Ulrich Bahrke vom Sigmund-Freud-Institut der Uni Frankfurt. Bereits der göttliche Vater Wotan begeht quasi einen Missbrauch, indem er die Kinder nur zu einem Zweck zeugt: Er braucht sie, um an den Ring des Nibelungen, von dem der Opernzyklus handelt, zu kommen. Dann, das frühe Trauma: Die Mutter verbrennt, die Zwillinge werden auseinandergerissen, der Vater verschwindet. Die Kinder Siegmund und Sieglinde verlieren jede enge Bindung. Was bleibt, ist eine „lebenslange regressive Sehnsucht“, sagt Bahrke. In ihrer Wiedervereinigung erfüllt sich auch beider Sehnsucht nach der verlorenen Liebe der Eltern. „Was je ich ersehnt, ersah ich in dir; in dir fand ich, was je mir gefehlt“, singt Siegmund. Und Sieglinde erkennt im Bruder auch den verlorenen Vater: „So blickte der Greis grüßend auf mich. An dem Blick erkannt’ ihn sein Kind.“ Bahrke kennt vergleichbare Fälle aus seiner Praxis: „Geschwister, welche die Eltern verlieren, schließen sich oft enger zusammen“, sagt er. Sie suchen Nähe, die sie sonst bei den Eltern finden. Manchmal so eng, dass sich Geschwister- und Geschlechtsliebe vermischen.

Was auch immer Siegmund und Sieglinde einander in die Arme treibt, in Deutschland könnte sie das vors Gericht bringen. Der Kuppelei-Paragraf ist passé, Sex unter Männern Normalität. Der Straftatbestand der Inzucht aber bleibt bestehen, anders als in Frankreich. In Deutschland wird Geschlechtsverkehr unter Verwandten ersten Grades mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft. Das betrifft also Schwester und Bruder, selbst wenn diese erwachsen sind und sich zueinander hingezogen fühlen. Klagen, das Gesetz schränke das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ein, blieben folgenlos. Eine Begründung: Der Nachwuchs sei erbgeschädigt.

In der Tat hat eine Inzest-Hemmung auch aus evolutionärer Sicht einen Sinn: Die Gene naher Verwandter sind sich sehr ähnlich – das kann zum Problem werden. Denn im Erbgut jedes Menschen sind kleine Fehler verborgen. „Jeder Mensch trägt geschätzt mindestens fünf rezessive Krankheitsgene“, sagt Prof. Ortrud Steinlein, Humangenetikerin an der Universität München. Ein gesundes Gen vom Geschlechtspartner kann dies bei einem rezessiven Gen also ausgleichen – das Kind ist gesund. Doch bringen Vater und Mutter denselben Fehler mit, wird er beim Nachwuchs sichtbar. Und das ist bei Inzest häufig. Das Risiko, dass die leibliche Frucht der Geschwisterliebe krank ist, liegt bei mehr als 40 Prozent. Dem Wälsungenblut wäre wohl keine große Blüte bestimmt. Inzestkind Siegfried hatte noch mal Glück – oder konnte sich auf die guten göttlichen Gene seine Großvaters Wotan verlassen.

Von Sonja Gibis

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