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„Ich bin nur ein Geschichtenerzähler“: Liao Yiwu gestern Vormittag in München. In Wahrheit ist der chinesische Dichter viel mehr – ein Gesamtkunstwerk.

Geschwister-Scholl-Preisträger: „Jesus ist wie ein Dissident“

München - Der Dichter Liao Yiwu ging in chinesischen Gefängnissen einst durch die Hölle. Anschließend schrieb er ein Buch darüber. Am Montag wird er dafür mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Ein Gespräch mit Liao Yiwu, für den Jesus wie ein Dissident ist:

Einst ging er durch die Hölle: Vier Jahre lang saß der Dichter Liao Yiwu, heute 53, Anfang der neunziger Jahre in chinesischen Gefängnissen – weil er das Massaker vom Juni 1989 auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ angeprangert hatte. Über die unmenschliche Haftzeit hat er ein umwerfendes Buch geschrieben („Für ein Lied und hundert Lieder“), das in diesem Jahr auf Deutsch erscheinen ist. Am Montag wird ihm in München dafür der Geschwister-Scholl-Preis verliehen.

Herr Liao, was bedeutet Ihnen der Geschwister-Scholl-Preis?

Ich fühle mich sehr, sehr geehrt. Und ich kann sagen: Ich fühle mich den Geschwistern Scholl eng verbunden. Ich habe aus demselben Grund wie sie versucht, gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen.

Sie und die Scholls haben ihr Leben riskiert, um in einem totalitären System gehört zu werden.

Ja. Und es gibt noch weitere Verbindungen. Die Geschwister Scholl sind so jung, in einem ganz zarten Alter, gestorben. Und Sie wissen, was am 4. Juni 1989 auf dem Tiananmenplatz in Peking passiert ist: Damals sind auch junge Studenten und Bürger gestorben. Viele junge Leute gingen auf die Straße und stellten sich vor die Panzer. Aber das Militär hat sie einfach überrollt.

Ein Massaker.

Dieses Massaker hat mein Leben verändert. Jetzt, nach so vielen Jahren, versuche ich aufzuschreiben, was damals passiert ist. Mein Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ geht über meine Erlebnisse im Gefängnis. Mein nächstes Buch aber wird von den Opfern des 4. Juni handeln. Sehen Sie: Durch die jungen Leute, die 1943 in München gestorben sind, denkt man immer wieder an ihre Geschichte. So etwas sollte auch in China passieren. Aber nach 1989 hat das Regime versucht, das Gedächtnis der Menschen auszulöschen.

Und dagegen schreiben Sie an?

Ich will durch mein Schreiben ein Warnzeichen setzen, damit die Leute sich erinnern, was passiert ist. Chinas Seele ist heute wie ein Müllhaufen:

Alles ist von Schutt bedeckt. Aber wenn ich schreibe, ist das wie eine Ausgrabung: Ich hole das wieder heraus.

Früher haben Sie lieber Gedichte geschrieben.

Stimmt. Aber in den Jahren im Gefängnis, wo man mich umbiegen wollte, habe ich mich selber einem Wandel unterzogen. Ich habe mich entschieden, nicht nur Lyrik zu schreiben, sondern das Erlebte aufzuzeichnen, also gleichsam ein Chronist zu werden.

Sie zeichnen sehr eindringlich den Gefängnis-Alltag, die Folter, die Erniedrigung. Einmal wird ein Häftling abgeführt und noch mit dem Frühstück im Mund hingerichtet. Gehen Ihnen solche Szenen noch heute im Kopf herum?

Die traurigen Erinnerungen und die erschreckende Ausweglosigkeit sind ganz tief drinnen in meinem Unterbewusstsein. Ich habe deshalb oft Albträume. Heute Nacht etwa habe ich geträumt, dass ich fliege – aber ich konnte nicht herunterkommen, weil auf dem Boden lauter Messer standen.

Sie sagen, Schreiben sei für Sie ein „Entgiftungsprozess“. Was heißt das?

Ich hatte ganz viel Gift in mir gesammelt, das musste ich herauslassen. Dafür muss ich aber immer wieder in den Albtraum zurückkehren. Das Schreiben ist für mich wie eine Erneuerung, um aus dem Schrecken herauszukommen.

Dreimal wurde Ihr Manuskript konfisziert, dreimal schrieben Sie alles neu. Was ging da in Ihnen vor?

Einmal träumte ich danach, dass jemand meinen Kopf aufgemacht hat und aus meinem Gehirn die Nervenstränge einzeln herauslöste. Der Mann hat dann jeden Nerv wie eine Nudel herunterschluckt. Ich sagte: Dann habe ich ja nichts mehr im Kopf. Das hat den Mann nicht beeindruckt. Das Schlimme war ja: Ich konnte damals keine Kopien machen, ein beschlagnahmtes Manuskript war weg. Jetzt schreibe ich seit vielen Jahren in den Computer. Das Tolle ist: Man kann immer Kopien machen und sie an Freunde verteilen.

Trotz aller Schikanen haben Sie sich in Haft nie wirklich unterworfen. Woher hatten Sie die Kraft?

Ich habe keine besondere Kraft. Es ist mehr ein Instinkt. Ich habe mir das Gefühl für das Schöne und Gute bewahrt. Die Gefühle sind immer da, das hat Orwell in „1984“ beschrieben. Aber sie werden unterdrückt, auch in China. Ich habe mal im Gefängnis ein Lied gesungen, das mir ein warmes Gefühl gab. Dann zwangen sie mich aber, einhundert Lieder zu singen. So macht es Chinas Regime immer: Sie versuchen, schön und hässlich zu verdrehen.

Was passierte dann?

Ich sang danach anderthalb Jahre kein Lied, da war eine tief sitzende Angst. Eines Tages kam im Gefängnis ein Tierfilm im Fernsehen, darin war eine wunderschöne Melodie – und mir kamen die Tränen. Es gab also doch noch schöne Musik. Und ich fragte mich: Warum habe ich so lange nicht gesungen?

Man muss also seine Seele schützen?

Ich merke immer wieder, wie die Menschen durch die kommunistische Kultur seelisch heruntergekommen sind. Ich war gerade auf einer Lesereise in den USA, sogar da habe ich das wieder erlebt. Soll ich es Ihnen erzählen?

Ja, bitte!

Ich habe viel mit chinesischen Christen gesprochen. Für mich als Nicht-Gläubigen ist Jesus wie ein Dissident. Er hatte Konflikte mit den Machthabern, hat für seinen Glauben gekämpft und ist dafür gekreuzigt worden. Jesus verteidigte eine Wahrheit. Ich war also in den chinesischen Kirchen – und was sehe ich? Dort sitzen viele korrupte chinesische Beamte von einst. Sie haben ihr schmutziges Geld genommen, das Land verlassen und in den USA ein neues Paradies entdeckt. Ich rief: Was macht ihr mit eurer Kirche! Ihr nehmt die korrupten Beamten auf und redet, als ob nie etwas gewesen wäre! Ihr habt den Glauben nicht verteidigt! Als ich das sagte, waren alle sehr erbost.

Obwohl Sie sich als Dichter verstehen, wurden Sie nach Erscheinen Ihres Buchs erst mal als politischer Aktivist wahrgenommen. Hat Sie das überrascht?

Man hat mich ein bisschen in diese Rolle geschoben. Aber das ist o.k. Ich bin nur ein Geschichtenerzähler und habe ästhetische Vorstellungen, die aus meinem inneren Empfinden kommen. Ein Beispiel: Als ich an der Harvard-Universität einen Vortrag hielt, sagte ich: Wenn es nach meinem Schönheitsempfinden ginge, würde ich in der chinesischen Regierung lieber Schweine sehen als diese Politiker-Fratzen. Das ist keine Kritik, sondern mein Empfinden. Schweine sind für mich schöner als diese Leute. Denn die haben links einen Dolch in der Hand und rechts einen Geldbeutel. Das ist mein inneres Bild von ihnen.

Ihr Freund, der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, sitzt wegen angeblicher „Untergrabung der Staatsgewalt“ im Gefängnis. Bangen Sie um ihn?

Ich habe große Sorge. Es ist ja so, als wäre er in den Händen von Entführern. Das ist keine Regierung, die ihn in der Hand hat, das sind Schurken. Die können alles mit ihm machen. Er ist isoliert, bekommt keine Information von der Außenwelt. Das ist sehr besorgniserregend. Auch viele andere Freunde von mir sind kritisch gegenüber der Regierung. Sie stehen an vorderster Front, sie sind gefährdet. Die Regierung wendet jetzt Mafia-Methoden an, stülpt den Leuten auf der Straße eine Decke über den Kopf und bringt sie weg. Ich bin hier, meine Freunde kämpfen dort – wir sind trotzdem verbunden. Und meine Gedanken sind immer bei ihnen.

Sie leben nun in Berlin. Würden Sie lieber in China mit ihnen kämpfen?

Ich bin kein so guter Kämpfer, auch kein so guter Kritiker. Ich bin nur jemand, der die Sachen aufzeichnet. Im letzten Jahrhundert, da sprach ich oft mit Liu Xiaobo. Er sagte immer: Du bist kein guter Analytiker, aber ein guter Geschichtenerzähler. Ich kann nur meine Rolle gut spielen.

Interview: Robert Arsenschek

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