Geschwister-Scholl-Preis an Türkei-kritische Schriftstellerin

- Zivilcourage, Mut, mit dem Schreiben Wahrheit aufdecken, Partei ergreifen für die Sprachlosen und dafür selbst ein Risiko auf sich nehmen - das alles trifft in besonderem Maße auf die türkisch-deutsche Autorin Necla Kelek (48) zu. In ihrem Buch "Die fremde Braut" (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 267 Seiten, 18. 90 Euro) thematisiert die Soziologin auf höchst eindrucksvolle Weise die Zwangsheirat türkischer Mädchen, den Im- beziehungsweise Export der Töchter, die schleichende Islamisierung. Für dieses Wagnis wird Necla Kelek in diesem Jahr mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Am 14. November wird der mit 10 000 Euro dotierte Preis des Börsenverbandes des Deutschen Buchhandels, Landesverband Bayern, und der Stadt München an die Autorin überreicht.

"Manchmal verstehe ich die Deutschen nicht, besonders wenn sie alles verstehen." Ein Satz aus Ihrem Buch "Die fremde Braut". Verstehen Sie die deutsche Jury, die Ihnen jetzt den Geschwister-Scholl-Preis zuerkannt hat?

Necla Kelek: Also mich hat diese Auszeichnung irgendwie schon überwältigt. Ich habe nicht im Entferntesten damit gerechnet. Als ich den Namen Scholl hörte, waren meine Gedanken sofort bei Sophie Scholl. Ja, ich bin überwältigt.

Der Preis zeichnet einen Autor auch für seine Zivilcourage aus. Brauchten Sie besonderen Mut, dieses Buch zu schreiben?

Kelek: Nachdem mein Vater uns verlassen hatte und zurück gegangen ist in die Türkei, hatte ich mich auf einen schweren Weg begeben. Das war mein erster Kampf. Und dafür brauchte ich Mut: meine Familie von mir zu überzeugen. Aber ich musste doch warten, bis mein Vater gestorben war, um dieses Buch schreiben zu können.

Zum einen hilft Ihr Buch dem deutschen Leser, die gesellschaftlichen Traditionen der Türkei zu verstehen; zum anderen aber trägt es dazu bei, unsere so genannte Toleranz, die oft nichts weiter als Bequemlichkeit ist, zu überprüfen. Welchen Zweck verfolgen Sie mit der "Fremden Braut"?

Kelek: Genau diese falsche Toleranz aufzubrechen. Überall bin ich in Deutschland dagegengestoßen. Was war das für ein Kampf auf der Universität! Ich habe mich immer geschüttelt vor dieser "Toleranz". Das ist nicht Toleranz, das ist Ignoranz. Es geht ihnen nur um sie selbst, nicht um die soziale Realität. In Deutschland wird von Reformen in der Türkei gesprochen, aber seit 1923 gab es dort keine so große Islamisierung wie jetzt. Ich weiß nicht, wo die Reformen sind. Als ich 1967 die Türkei verlassen habe, war sie eine Republik. Heute ist sie ein islamistisches Land. Istanbul hat jährlich eine Million Zuwanderer vom Land. Sie tragen die alten Traditionen in die Stadt, und von dort werden sie nach Deutschland gebracht . . .

Haben Sie nicht manchmal Angst?

Kelek: Nein. Die hatte ich, während ich das Buch schrieb. Jetzt nicht mehr.

Immerhin aber gab es kürzlich eine regelrechte Kampagne gegen Sie in der Deutschland-Ausgabe der türkischen Tageszeitung "Hürriyet".

Kelek: Diese Zeitung ist wie die türkischen Männer, sie arbeitet mit Strafe und Gnade. Aber es ist so: Wenn man ein Problem anspricht, ist es immer so, als sei man gleich ein Feind der ganzen Türkei.

Es existiert der Vorwurf, Ihr Buch sei dem guten Zusammenleben von Türken und Deutschen nicht förderlich, vielmehr bestätige es vorhandene Vorurteile.

Kelek: Ganz im Gegenteil. Endlich wird gemeinsam darüber diskutiert, dass wir Parallelgesellschaften haben. Es ist doch an der Zeit, dass wir darüber sprechen: Wollen wir miteinander leben oder nebeneinander? Es muss darüber geredet werden: Täglich entstehen hier Moscheen, überall. Damit sind wir Türken kulturell abgestempelt, denn es gibt keine türkischen Literaturhäuser oder Kulturzentren. Nur Moscheen.

Sie arbeiten an einem neuen Buch?

Kelek: Ja. Es geht - und das ist auch der Titel - um die "Verlorenen Söhne", um die Erziehungskonzeption für die türkischen Jungen.

Sie schreiben in den autobiografischen Passagen der "Fremden Braut" über die Reise, die Sie als Zehnjährige allein mit Ihrer Schwester von Istanbul nach Deutschland machten: "In München mussten wir umsteigen und standen dort wie bestellt und nicht abgeholt auf dem Bahnsteig" - bis sich schließlich ein Bahnwärter erbarmte . .  Hätten Sie sich jemals träumen lassen, eines Tages ausgerechnet in dieser Stadt ausgezeichnet zu werden?

Kelek: Nein, niemals. Aber es ehrt mich sehr. München ist so schön. Und ich war immer sehr traurig, dass mein Vater uns 1967 nicht da hingebracht hat, sondern irgendwo in die Pampa bei Hannover.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

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