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Gesellschaft für Liebeskranke

- Lárus ist im Kopf gehbehindert. Wie das sein kann? Als der kleine Isländer in Reykjavik in die Schule kam, da wollte er sich von den vielen anderen Kindern unterscheiden und fing an zu humpeln. Bis der Dobermann einer Klassenkameradin quer über den Schulhof auf ihn zuschoss, er wegrannte und die Schmach riesengroß war.

Metaphern aus der Vogelwelt

Lárus hatte das längst vergessen. "Erinnern war noch nie meine Stärke. Einige wenige Sachen erinnere ich gerne und immer wieder, aber ansonsten bin ich bisher mit Vergessen gut durchs Leben gekommen. Nun jedoch gibt es Dinge, an die ich mich nicht erinnern möchte und die ich trotzdem nicht vergessen kann." Und diese Dinge hindern Lá´rus daran, weiterzugehen. Weshalb ihm sein einstiger Mitschüler und flüchtiger Geliebter Dagur nicht ganz zu Unrecht vorwirft, im Kopf gehbehindert geblieben zu sein. Lá´rus, Ich-Erzähler in Kristof Magnussons Debütroman "Zuhause", muss gehen und die Richtung finden lernen in diesem Buch, das seine Hauptfigur zwischen einem isländischen und einem deutschen Zuhause herumirren lässt.

Man hört es schon am Namen des Autors: Auch er hat einen isländischen Vater und ist in Deutschland aufgewachsen wie Lá´rus Lú´dví´gsson, der allerdings erst als Kind Island verließ. Jetzt kehrt Lárus, wie so oft vorher, nach Reykjavik zurück, um mit seiner Sandkastenfreundin Matilda und eigentlich auch mit deren sowie mit seinem eigenen Freund Weihnachten zu feiern. Doch beide Beziehungen sind zuvor zerbrochen. Und was Lá´rus, der Vogel-Dokumentarfilmer und Menschen-Nichtkenner, stattdessen erlebt, ist weder friedvoll noch besinnlich, aber exzessiv und gefährlich und wird von dem 30-jährigen Kristof Magnusson, der auch schon beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt vortragen durfte, witzig, geistreich und mit lustigen Metaphern aus der Vogelwelt beschrieben.

Und weil Lárus und Matilda dauernd in Kneipen herumhängen, viel trinken und viel rauchen, weil Song-Zitate manchmal ihre Gedanken kommentieren und der hochkomische, selbstironische Anfang des Buches doch eher an der Oberfläche ihrer melancholischen, ein wenig eitlen Befindlichkeiten verläuft, könnte man meinen, man habe es mit einer neuen Variante der schon gestrig gewordenen Popliteratur zu tun.

Aber Magnusson begibt sich hinab in die tiefsten Tiefen dieses Lá´rus, hinein in die tragischen, vielschichtigen Konflikte mit dem Ex-Freund Milan und der um ein Haar auch Ex-guten-Freundin Matilda. Und aus einer zunächst nebensächlich erscheinenden, sagenumwobenen Familiengeschichte um den mächtigsten Unternehmer Islands wird plötzlich das Hauptthema des Buches und aus diesem ein wahrer Krimi. Geheimnisvolle Tonfigürchen, uralte Pergamente, eine überzogene Familienehre und lebensgefährliche Sprünge aus fahrenden Autos - trotz abenteuerlicher Konstruktionen erzählt der Autor doch eine halbwegs plausible Tragödie über den Zerfall eines Machtmythos'. Bei alledem lernt Lá´rus gehen: in sich, in seine Vergangenheit.

An eine seltsame Zürcher Gesellschaft für Liebeskranke richtet er seine auf die hellen Stellen, auf Berge und Buchten eines Busfahrplans geschriebenen Briefe. In denen er sich an seine eigene Vergangenheit erinnert, aufrichtig, lustig, herzzerreißend.

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