Das Gesetz des Lebens

- Erdbeben - in ihrer Plötzlichkeit und Gewalt eine Geißel der Menschheit. Ihre Erforschung oberste Notwendigkeit, für Wissenschaftler ja auch eine Leidenschaft. Der alte Luis sitzt den ganzen Tag an seinem Seismographen auf dem Kleinen Feldberg im Taunus, weiß sofort, wenn es irgendwo auf der Welt gewackelt hat, in Sizilien, Nicaragua oder Sichuan. Gleichzeitig wird er, obgleich Wissenschafts-Einsiedler, zum Beobachter auch gesellschaftlicher und privater Erschütterungen: "Nachbeben" heißt der vorwiegend aus der Perspektive des Seismologen erzählte Roman von Dirk Kurbjuweit (42). Und der liest sich - da ist auch der Spiegel-Reporter Kurbjuweit am Werk - in einem Zuge durch.

<P>"Welche Fortschritte hat es in sechzig Jahren in anderen Disziplinen der Wissenschaft gegeben! Der Gencode ist entschlüsselt, Tuberkulose heilbar, ein Telefon so groß wie eine Zigarettenschachtel", sinniert der 82-jährige Luis, der sich resigniert eingesteht, dass dagegen die Seismologie immer noch keine hundertprozentigen Voraussagen machen kann. Unberechenbarkeit - auch das Gesetz des Lebens.<BR><BR>Aus einer Erdbebennacht kann eine Liebesnacht werden: Südlich von Köln ortet Luis ein Beben der Stärke vier. Notrufe gehen auf der Erdbebenwarte ein, wo außer Luis nur noch das Hausmeisterehepaar lebt. Lorenz, dessen Sohn, wirft sich ins Auto, um einer ängstlichen jungen Frau in einem Kölner Hochhaus beizustehen . . .<BR><BR>Selma und Lorenz heiraten 1989, im Jahr der Wiedervereinigung. Und indem Luis, der Lorenz mit geradezu väterlicher Aufmerksamkeit und Fürsorge hat aufwachsen sehen, nun dessen Ehe und berufliche Karriere in der Bundesbank verfolgt, wird er auch zum Chronisten der 90er-Jahre: in Zeiten der Wohnungsnot verzweifelte Suche des Paares, das zunächst auf dem Feldberg wohnt, Hauskauf auf Kredit, Aids-Test, Verträge von Maastricht und der geplante Euro, deshalb Sorge um den Arbeitsplatz von Lorenz, dem "letzten Helden der Mark". Eine Berufsreise nach Tirana, während der Lorenz sich in eine junge Albanerin verliebt und bei einer Autotour mit ihr einen kleinen Jungen totfährt.<BR><BR>Erpressung durch die Albaner. Schulden. Alkohol. Gegen eine Bestechungssumme Prognosenfälschung in der Bundesbank und schließlich Rausschmiss. Dies sicherlich kein deutsches Durchschnittsschicksal. Doch in einigen Zügen ist dieser Lorenz Kühnholz tatsächlich der Prototyp eines gescheiterten deutschen Hoffnungsträgers.<BR>Dennoch hat das Buch ein Handicap: So begierig man sich vorwärts locken lässt von Kurbjuweits lapidarem Stil, von diesem Ton, der knapp und dennoch eindringlich zeitbedingte Lebenssituationen aufklingen lässt - am besten Luis' Rückerinnerung an seine euphorisch erlebte Unbekümmert-Jugend im Nachkriegs-Trümmerdeutschland -, so enttäuscht ist man, wenn man es zuklappt. Die Parallelsetzung geologischer und existenzieller Umbruchsbewegung, im Grunde die ganze Lorenz-Story, scheint da nur noch Gerüst, um es mit Streiflichtern jüngster gesellschaftlicher Veränderungen zu bestücken.<BR><BR>Was ist das, was Kurbjuweit da geschrieben hat? Ein Gesellschaftsporträt? Ein Entwicklungsroman? Ein Vaterschafts-Krimi zwischen Luis und dem Hausmeister, der sich und seine Frau am Ende erschießt? Wenn das Gelesene so dicht wäre, wie bei den US-Chronisten John Updike und Philip Roth, hätte man wohl keine Fragen.</P><P>Dirk Kurbjuweit: "Nachbeben". Verlag Nagel & Kimche, Wien, 219 Seiten; 17, 90 Euro.</P>

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