Gesetze des Dschungels

- Ein Anfang ist gemacht. Die Bühne der Münchner Kammerspiele ist zurückgewonnen als Forum für Denker und Weltdeuter. Zur Kirchenstunde eröffnete gestern der Kulturtheorethiker Klaus Theweleit die neue Redenreihe "In welcher Zukunft leben wir?" Das im Programm orange gedruckte Fragezeichen des Titels war das dominierende rhetorische Prinzip dieses Vormittags.

<P>Wer die tröstende Geste einer Sonntagsrede erwartet hatte, wurde enttäuscht. Wer auf die assoziativen, retardierenden Denkbewegungen eines Beobachters und Impulssammlers eingestellt war, der dürfte originelle Gedanken und vor allem weitere Fragen mit nach Hause genommen haben. Zum Beispiel diese: Warum verweigert jemand, dessen zerebraler Arbeitsspeicher so randvoll ist mit Inhalten, Theorien und Erfahrungen, seinem Publikum eine ordnende Perspektive auf diese Gedankenpracht?<BR><BR>Über einen Stapel Karteikärtchen gebeugt, führt Theweleit an die verschiedenen Haltepunkte seiner Gegenwartsanalysen, die den Erwerb und Verlust von Kulturtechniken mit zeitgenössischen Krisenphänomen in Verbindung bringen. Auffällig sei dabei das Phänomen des "double standard": der gleichzeitige Rückgriff in der westlichen Welt auf einerseits hochentwickelte Techniken und andererseits eine Kooperation mit fundamentalistischen Kräften in der Dritten Welt bis hin zu bewaffneten Präventivattacken.<BR><BR>Der Wachstumsvorsprung der digitalen Gesellschaften mündet laut Theweleit wieder in die "Gesetze des Dschungels". Der 11. September sei symbolischer Stichtag: Er markiere den Übertritt der ländlich-religiös bestimmten Länder in eine Zwischenphase der Destabilisierung. Andererseits markiere er das Verschwinden einer ordnenden Zentralperspektive und das Zersplittern der Realität in zahlreiche Realitätsarten. Das digitale Zeitalter, so Theweleit, kommuniziere in Codes und Formeln. </P><P>Um den Rückfall in die Barberei aufzuhalten, falle Künstlern in Zukunft eine Übersetzerfunktion zu.<BR>Flankiert wurde diese intellektuelle Seance vom Schweizer Journalisten Oliver Fahrni. Seiner Gesprächsführung ist es zu verdanken, dass Theweleit gegen Ende doch noch zur Prägnanz und Vitalität seiner schriftlichen Existenz fand. Zum Schluss noch eine wirklich schlechte Nachricht: Die Eröffnung dieser neuen Diskurs-Plattform fand vor einem in der Zahl bedenklich pulverisierten Kammerspiel-Publikum statt. Ist das prophezeite Verschwinden der Öffentlichkeit wirklich schon so real?<BR></P><P> </P>

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