Ins Gesicht geschmissen

- Eine 90-minütige, ins Gewand des Mittelalters gekleidete Abrechnung mit München, das ist die "Feuersnot" von Richard Strauss. Im Held Kunrad verewigte sich der Komponist höchstselbst, er begreift sich hier als legitimer Nachfolger Richard Wagners. Strauss, der nach Misserfolgen im Zorn von der Stadt schied, schildert München als Ansammlung bornierter Spießbürger. Das Gärtnerplatz-Team bringt das Werk im Prinzregententheater heraus, Premiere ist am kommenden Sonntag, 19 Uhr. Hellmuth Matiasek, der Ende September sein Amt als Präsident der Theaterakademie aufgibt, inszeniert. Am Pult steht David Stahl.

<P>Strauss nannte das Stück ein "Nichtoperchen". Und Sie?</P><P>Matiasek: Ich hab's nicht am Maß der Oper gemessen, er mag Recht haben. Dass es außerhalb Münchens fast nie aufgeführt wurde, hängt natürlich mit dem extremen Ortsbezug zusammen. Dieses Stück war und ist ein Strauss'sches Experiment.</P><P>Werden "nur" biografische Aspekte behandelt? Oder enthält das Werk auch Überzeitliches?</P><P>Matiasek: Aber selbstverständlich. Im Kern dreht es sich um die Beziehung von Strauss zu seiner Vaterstadt. Das soll man in unserer Aufführung auch erkennen. Welch neue Aufgabe für die Opernregie: "Feuersnot" ist ein Stück, das man nicht zum 1003. Mal in neuen Interpretationen sieht, bei dem man nicht überlegen muss, in welchen Lokomotivbahnhöfen oder Tiefgaragen es schon gespielt hat. Wir müssen einfach dechiffrieren, erklären und erzählen. Insgesamt ist es eine Parabel über einen sensiblen Künstler mit Macken und eine ihn nicht verstehende Gesellschaft. Keine bloße Spießbürgersatire, dazu ist die Musik zu gigantisch. Wenn Ihnen nichts gefällt an meiner Inszenierung, haben Sie also noch diese Klänge (lacht).</P><P>Strauss "porträtierte" sich auch in anderen Werken: im "Heldenleben", in der "Sinfonia domestica". Ziemlich eitel, oder?</P><P>Matiasek: Schon. Aber es ist eine Eitelkeit, die man einem Künstler zugestehen muss. In der "Feuersnot" ist der biografische Aspekt noch nicht mit der künstlerischen Reife seiner späten Werke verarbeitet. Darin liegt die Bedeutung des Stücks: dass Strauss zur Oper, nach dem Misserfolg des "Guntram", wieder zurückfand und dadurch beflügelt wurde. Später hat er auch mit besseren Librettisten zusammengearbeitet. Ernst von Wolzogen war sicher ein glänzender Kabarettist, bloß: In der "Feuersnot" merkt man davon fast nichts.</P><P>Wie präsentiert sich Ihnen Strauss in der "Feuersnot"?</P><P>Matiasek: Er hat die Chance einer riesigen Abrechnung mit München - und nützt sie. Er schmeißt denen seine Sicht der Dinge geradezu ins Gesicht. Mit witzigen Übertreibungen. Und dennoch buhlt er um Liebe. Heute ist ja München Gott sei Dank mit Strauss mehr als versöhnt.</P><P>Eine Dame, die im Stück dazu verdonnert wird, sich dem Liebhaber hinzugeben: So hätte wohl Strauss die Frauen gern.</P><P>Matiasek: Mag sein. Aber dieses Frauenbild ist nicht das Hauptthema der "Feuersnot". Es gibt ja außer dem Helden Kunrad fast nur Chargen. Diemut ist schließlich ein verzogenes Bürgermeister-Töchterlein. Ein bisserl geschieht ihr auch Recht. Und sie scheint doch ganz glücklich am Schluss . . .</P><P>Wo spielt das Stück in Ihrer Version?</P><P>Matiasek: In der Strauss-Zeit, 1901. Das halte ich für eine erlaubte Umtopfung, die ich sonst nicht so liebe. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, die Bezüge zum Komponisten herzustellen, wenn die Leute in Strumpf- und Windelhosen samt Spitztütenhüten des Mittelalters herumlaufen.</P><P>Strauss karikierte Münchens Spießbürger: Was hat sich seitdem geändert?</P><P>Matiasek: München war damals ziemlich provinziell, weil es das Besondere nicht erkannt hat. Ich vergleich's mit meiner Heimatstadt Wien, vielleicht waren die damals etwas weiter. Immerhin hatten sie Schönberg geduldet. Heute ist die Sache ja umgeschlagen, München schmückt sich furchtbar gern mit großen Namen. Doch gibt es andere Sorgen: Wie die Münchner Symphoniker oder das Deutsche Theater abgewickelt werden sollen, zeugt auch von einer besonderen Haltung zur Kultur. Obwohl die Finanzsituation natürlich nicht wegzudiskutieren ist.</P><P>Und wer hat die Idee gehabt zur "Feuersnot"?</P><P>Matiasek: Gärtnerplatz-Intendant Klaus Schultz. Er meinte, das wäre doch ein schönes Abschiedsgeschenk für mich am Ende meiner Zeit als Akademie-Chef. Als ein Ministeriums-Referent mich neulich fragte, was ich denn so treibe, sagte ich: Ich habe Proben zur "Feuersnot". Und er: Oh Gott, da sind sie genug gestraft, erst durch die Haushaltsdebatte, dann durch Strauss. Ich habe natürlich widersprochen.</P><P><BR><BR> </P>

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