Gespenster einer Schriftstellerin

- Beim ersten Aufblättern löst dieses Buch ein Sich-Sträuben bei seinem Leser aus. Denn es beginnt mit Kapitel Neun. Eine Frau geht wieder einmal in ihren Garten, um ihre kunstvoll gezüchteten Rosen zu pflegen, und macht sich nebenbei Gedanken, wie sie ihren Mann töten könnte. Lisa Bratt ist die Autorin dieser Szene. Sie wiederum ist Kriminalschriftstellerin und die Hauptfigur in Mirjam Presslers heute erscheinendem Roman "Rosengift". Und hier hat es mit den äußerlichen Verschachtelungen in diesem Liebes- und Krimischmöker auch schon ein Ende.

<P>Lisa Bratt, ein nach zwei gescheiterten Ehen etwas angejahrter Single, arbeitet wie stets an einem Roman, während zwei neue Menschen in ihr Leben stolpern: eine alkoholabhängige, obdachlose Jugendliche, die sie in ihrer Wohnung aufnimmt. Und ein Lebemann, der Lisa als Geliebter das Blaue vom Himmel verspricht. In ihrem Innersten aber macht diese Frau eine emotionale Kiste nach der anderen auf. Sie irrt zwischen den Vermächtnissen von nahe stehenden Frauenfiguren umher, die in Lisas Persönlichkeit ihren allzu prägenden Abdruck hinterlassen haben. Da wäre zum einen ihre alkoholkranke Mutter; dann die Stiefmutter; zuletzt schleicht sich Lisas verstorbene Zwillingsschwester ein, die freizügiger und obszöner ist als sie, wenn es um die Liebe geht. Die andererseits den moralischen Zeigefinger hebt, wenn Lisas Untermieterin sich wieder Eskapaden leistet. Und vor all diesen Gespenstern versucht Lisa Bratt, die Fassade der erfolgreichen, unabhängigen, selbstsicheren und unverletzlichen Schriftstellerin aufrechtzuerhalten. </P><P>Affäre mit subtiler Rache</P><P>Das ganze Gegenteil dieses Selbstbildnisses vermittelt sich in diesem Text, der an den Geliebten gerichtet ist: ein Rechenschaftsbericht über unterlassene Hilfeleistung, wie sich ganz am Ende des Buches herausstellt. Bis dahin baut Mirjam Pressler Spannung auf, nur um sie allmählich zu überdehnen, den versprochenen Thrill nie einzulösen. In allen Details schildert Pressler den Alltag Lisas mit ihrer unangepassten Mitbewohnerin, die kurze Affäre, die diese mit Lisas Geliebtem hat. Die subtile Rache als Folge davon. Die Romanheldin schöpft daraus Inspiration für ihr Manuskript. Verwechselt auch manchmal Realität mit Fiktion. Die sinnliche Wahrnehmung ihrer Umwelt erhält einen geradezu poetischen Glanz in ihrer Selbstaufzeichnung. Das entwaffnende, alle Widerstände überwältigende Lächeln eines sozial schwach gestellten Menschen analysiert sie gegen alles Gutmenschentum. </P><P>Aber weil der Roman im psychologischen Protokoll einer uninteressanten Perfektionistin stecken bleibt, vermag er nie so recht zu fesseln. Zu abgeklärt wirkt die Protagonistin. Zu wenig abgründig stellen sich ihre Empfindungen dar. Ihr Rausch, eine Person zur Abhängigkeit und Dankbarkeit zu zwingen, die sie eigentlich abstoßend findet und die sie an ihre schrecklichsten Kindheitserfahrungen erinnert - er rührt kein Nackenhaar. Fremd neben der sattsam ausgeleuchteten Lisa hingegen bleibt ihre geheimnisvolle Mitbewohnerin.</P><P>Ein bisschen von allem ist "Rosengift" _ Krimi, Liebesgeschichte, Psychogramm. Aber all dies aus der Perspektive einer Frau, die über den Pasta-Tellerrand ihres bequemen "Schöner Wohnen"-Haushalts nicht hinauszublicken vermag. Eine Außensicht auf diese Person wäre die spannendere Variante gewesen.</P>Mirjam Pressler: "Rosengift", Roman. Bloomsbury, Berlin. 256 Seiten, 18 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“
Man kann ihn als verrucht und verdorben abtun, man kann allerdings auch die Schuld ein Stück weit bei den Opfern Don Giovannis suchen - so wie es Regisseur Herbert …
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“

Kommentare