Gespenster im Nebel

- Sie lieben sich, und sie hassen sich. Eine zarte, schmale Frau steht adrett gekleidet und frisiert - viel zu perfekt fürs morgendliche Familienfrühstück - am großen Breitwandfenster, als würde sie durch den dichten Store hinausschauen in den Garten. Aber dort ist nichts zu sehen; denn dicker Nebel nimmt die Sicht. Weit weg ist sie mit ihren Gedanken. Erst wenn ihr Mann aufmunternd dazu kommt und wenig später die erwachsenen Söhne, holt sie sich mit kaum merklichem Ruck ins Jetzt zurück. Und zeigt sich als die patente, tapfere Person, die witzelt, lamentiert, klagt, die die Macken und Wehwehchen einer nicht mehr Jungen betont görenhaft mit großem Gestus ausspielt, um ihre Verunsicherung, um tief sitzende Angst vor den Gespenstern der Vergangenheit, um Liebe und Hass mit kumpelhaft-praktischer Allüre zu übertünchen. Nur keine Sentimentalitäten.

<P>Cornelia Froboess spielt bei den Salzburger Festspielen diese Frau. Und wie die Froboess sie spielt, wie sie das Bild der morphiumabhängigen Mary zeichnet, die die ständige Belauerung durch ihre Männer nicht aushält, die die Verlassenheit und Vereinsamung in den Abgrund treiben - das zu erleben ist Grund genug, sich "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von Eugen O'Neill (1888-1953) auf der Bühne anzusehen. Als letzte Schauspiel-Premiere der Festspiele hatte dieses durch und durch autobiografische Stück des Amerikaners jetzt im Landestheater Premiere. Eine Koproduktion mit dem Bayerischen Staatsschauspiel. Die Inszenierung von Elmar Goerden wird im Herbst ins Münchner Residenztheater einziehen.</P><P>Das Schicksal hat zugeschlagen; und wie es sich für diesen Autor gehört - mit antiker Wucht. O'Neill hat ja für das bürgerliche amerikanische Theater des 20. Jahrhunderts nicht nur Tschechow, Ibsen, Strindberg "geplündert", sondern genauso die alten Griechen. Und so umgeistern in Form von Alkohol und Morphium die Erinnyen des Aischylos seine gebrochenen Helden.</P><P>In dieser Kombination kommt einem das heute freilich ganz schön überholt vor. Dieses 1940 entstandene Stück in seinem überspannten Hyperrealismus wird nicht mehr unbedingt gebraucht. Es sei denn, ein Theater bezweckt damit noch anderes. Zum Beispiel ein klassisches Schauspielerpaar auf der Bühne wieder zusammenzuführen. Das nämlich wäre mit der ursprünglichen Besetzung der Fall gewesen. Cornelia Froboess und Helmut Griem, einst Münchens legendäre Minna von Barnhelm und Tellheim, hätten als O'Neills Mary und James eine gemeinsame Basis gehabt, über den Naturalismus der Stückfiguren hinaus noch eine andere Erzählebene zu bespielen.</P><P>Das hätte dem O'Neill hinaus geholfen aus dem Milieu der kranken Seelen. Das Schicksal wollte es anders, es schlug zu und vermasselte Regisseur Elmar Goerden das so gut gedachte Salzburger Festspiel-Debüt: Helmut Griem fiel krankheitsbedingt unerwartet aus. Es ist Vadim Glowna nicht hoch genug anzurechnen, spontan für ihn eingesprungen zu sein, sich die Riesenrolle des James Tyrone wenigstens textlich einigermaßen anzueignen und damit die Premiere zu retten.</P><P>In der Kurzfristigkeit konnten naturgemäß die Ambivalenzen dieser Figur, die komplexen, vielschichtigen Beziehungen des egomanischen Whiskey-Trinkers zu den Partnern nicht herausgearbeitet werden. Ein Defizit, das die gesamte Inszenierung belastet. Dabei leisten die Schauspieler Großartiges. Rainer Bock als der ältere Sohn, der wie sein Vater James heißen und Schauspieler werden musste, macht aus dem verkrachten Zyniker einen so schrillen wie tragischen Schwulen mit kurzen Höschen und Damenpumps.</P><P>Und Jens Harzer als schwindsüchtiger, dichtender, Beaudelaire rezitierender und dem Tod verschriebener Edmund ist in seiner absoluten schauspielerischen Modernität das zeitgenössische Zentrum dieser Aufführung. Ihm zuzuschauen ist aufregend und spannend zugleich - wie er das ewige Kindsein forciert, wie er mit Galgenhumor seiner Krankheit begegnet, wie er selbstzerstörerisch trinkt und kettenraucht, wie er liebend leidet an der Not der Mutter. Am Ende steht er dicht neben ihr. Geradezu körperlich nimmt er jeden ihrer Sätze auf, den sie, nun vollends im Morphium-Delirium, spricht. Berührend die Übereinstimmung zwischen Harzer und der jetzt ganz mädchenhaften Froboess, die sich als Mary in ihr altes Brautkleid gehüllt hat - auf der Suche nach dem verlorenen, kurzen Augenblick des Glücks.</P><P>Durch die Umbesetzung bedingt, entzieht sich die Inszenierung teilweise einer kritischen Würdigung. Einwände gibt es dennoch: dagegen, dass Goerden das Stück, das bei O'Neill 1912 spielt, ohne zwingenden Grund ziemlich unlogisch in die 70er-Jahre verlegt. Und dagegen, dass seine Bühnenbildner Silvia Merlo und Ulf Stengl zugunsten einer nur Effekt machenden Wasserfläche an der Rampe das Geschehen viel zu weit nach hinten verlegt.</P><P>Für München, wo diese Aufführung ab November gezeigt werden soll, muss noch nachgebessert werden.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare