Die Gespenster reisen mit

- Zum Auftakt der neuen Saison am Staatsschauspiel inszeniert Antoine Uitdehaag einen feinen Mystery-Thriller, Premiere ist heute im Cuvillié´stheater. Eine Partitur für drei Schauspielerstimmen. Wort für Wort, Takt für Takt angeordnet vom Brit-Pop-Autor Martin Crimp. Es spielen Barbara Melzl, Eva Gosciejewicz und Stefan Hunstein "Es ist ganz einfach, ,Auf dem Land zu beschreiben", sagt der Autor selbst. "Es geht um einen Arzt, der mit seiner Frau Corinne aufs Land gezogen ist, um der Stadt zu entfliehen, und eines Abends bringt er eine junge Frau mit nach Hause, die er am Straßenrand gefunden hat."

<P>Crimps Figuren sind befallen von der Krankheit Lüge. Auf der Suche nach ein paar Wahrheiten trafen wir Stefan Hunstein im Foyer des Münchner Literaturhauses mit Blick über die Theaterlandschaft zu beiden Seiten der Maximiliansstraße.</P><P>Die Geschichte hat mehr lose Enden, als Crimp in seinem lakonischen Resümee bloßlegt. Wie würde Richard - Arzt, Mitte Vierzig, verheiratet, zwei Kinder - die Geschichte erzählen?</P><P>Hunstein: Ein Mann und eine Frau suchen, wie es bei Thomas Bernhard heißt, die Idylle und und finden die Hölle. Richard ist eine gespaltene Persönlichkeit. Er will alles. Er will die Familie. Und ein entgrenztes Leben. Diese Sehnsucht nach dem anderen, nach dem Kick, steckt ja in jedem von uns. Diese Lust, aus bestimmten Formen auszubrechen. Der Umzug aufs Land ist der aufrichtige Versuch, die Familie zu retten.</P><P>Die Flucht aufs Land? Wäre das für Sie persönlich eine Option?</P><P>Hunstein: Aufs Land zu ziehen, ist ein alter bürgerlicher Traum. Man glaubt, man könnte dort ein neues Leben beginnen. Doch man schleppt seine Geschichte mit sich. Man kann sie nicht wie einen Koffer an der Stadtgrenze abgeben. Die Gespenster reisen mit. Um Ihre Frage zu beantworten: Ich bin ein Stadtmensch.</P><P>Martin Crimp gehört in die literarische Umgebung des Londoner Royal Court Theatre. Sie haben in den letzten Jahren häufig in Stücken zeitgenössischer Autoren gespielt. Was ist das Spezifische an Crimp?</P><P>Hunstein: Der Crimp'sche Sound. Die Dialoge sind wie eine Partitur geschrieben. Themen und Motive werden ins Spiel gebracht, ausgeblendet, um später wieder aufgenommen zu werden. Es ist eine Sprache des Alltäglichen . . .</P><P>Doch ihre Beiläufigkeit ist eigentlich vorgetäuscht.</P><P>Hunstein: Ja, der Bauplan ist von hoher Komplexität. Als Schauspieler muss ich diese Partitur hundertprozentig zur Verfügung haben, um die Musikalität der Sprache und ihre subtilen Impulse zur Wirkung bringen zu können. Crimp gehört zu den wenigen seiner Kollegen, die Dialoge schreiben können. Die Wahrheitssuche der Figuren findet im Dialog statt. Im Miteinander. Gleichzeitig offenbart die Sprache neue Geheimnisse, legt sich wie eine gestaltete Oberfläche über ein wild pulsierendes Innenleben.</P><P>Ihm wurde Strindberg als Ahnherr zur Seite gestellt.</P><P>Hunstein: Ich würde David Lynch dazu stellen. Die Figuren haben etwas Unheimliches, Mysteriöses, ja Mystisches. Sie sind nicht mit sich selbst identisch.</P><P>Gibt es eine Querverbindung zwischen dem Schauspieler und dem Fotokünstler Stefan Hunstein?</P><P>Hunstein: Meine jüngste Arbeit, eine Serie von acht Bildern, heißt "Räume". Zu sehen sind ineinander geschichtete Räume, die durch Licht entstehen, durch Linien, geometrische Anordnungen. Der Betrachter versucht, im Bild den angedeuteten Raum zu entdecken. Nur hat er nicht die Logik, auf die wir uns verlassen, wenn wir hier aus dem Fenster blicken und sicher sein können, dass diese Linie vom Literaturhaus zum Theater führt. Der abgebildete Raum existiert nur im fotografischen Bild. Er ist im Medium entstanden. Das hat viel mit dem Crimp-Text zu tun. Er beschreibt eine Landschaft, die nur als Vorstellung existiert. Man würde das Gelände in der Realität nicht wiederfinden. Wir versuchen die Linien zu vervollständigen. Können es aber nicht. Am Ende des Stücks können wir nicht sicher sein, ob sich nicht im nächsten Augenblick der Vorhang wieder hebt und sich die Ereignisse des zweiten Akts wiederholen.<BR><BR><BR></P>

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