Gespenster der Vergangenheit

Jelinek-Premiere "Ulrike Maria Stuart": - "Die Gegenwart hat uns eingeholt", sagt Jossi Wieler. Der Schweizer Regisseur hatte bereits mit den Proben zu Elfriede Jelineks Stück "Ulrike Maria Stuart" begonnen, als die Debatte um den Umgang mit den noch inhaftierten RAF-Mitgliedern voll entbrannte. In ihrem "Königinnendrama" lässt die österreichische Nobelpreisträgerin die Geister von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin auftreten und konfrontiert sie mit der Gegenwart, aber auch mit dem Machtkampf der beiden Königinnen in Schillers Drama "Maria Stuart".

Bettina Stucky spielt als Gast die Ulrike Maria, Brigitte Hobmeier die Gudrun Elisabeth. Die Inszenierung, die heute um 19.30 Uhr an den Münchner Kammerspielen Premiere hat, ist die insgesamt fünfte Jelinek-Produktion des Schauspiel- und Opernregisseurs Jossi Wieler, von dem zuletzt an den Kammerspielen "Die Bakchen" herauskamen.

"Ulrike Maria Stuart" ist, wie es der Titel bereits andeutet, kein dokumentarisches Stück. Ist es ein politisches?

Jossi Wieler: Es ist ein gesellschaftspolitisches Stück. Der Text versucht, die unmittelbar vergangene Geschichte von vor 30, 40 Jahren an der deutschen Literatur zu spiegeln. Er ist genausowenig wie Schillers "Maria Stuart" ein historisches Stück. Aufgrund der Spiegelung zweier Figuren - Ulrike Marias und Gudrun Elisabeths - horcht es der Geschichte nach. Und fragt, was es in unserer Gesellschaft auslöst, wenn Gespenster der Vergangenheit, quasi Untote, Zombies, zurückkommen in die Gegenwart. Wie die aktuelle Debatte um Freilassung und besonders Begnadigung von Terroristen zeigt, gibt es eine Wunde, die im gesellschaftspolitischen Bewusstsein ohl nicht verheilt ist.

Ahnte Jelinek diese Aktualität wohl voraus?

Wieler: Als sie vor über zwei Jahren das Stück geschrieben hat, verschwendete sie keinen Gedanken daran, dass es so aktuell werden könnte. Auch unsere Entscheidung für dieses Stück war lange vor Beginn der Debatte gefallen. Das zeigt, dass Jelinek wie eine Psychoanalytikerin oder Archäologin die Geschichte freilegt, auf der sich viele Schichten abgelagert haben. Jelinek schreibt keine Situationen und handelnde Figuren, sie schenkt ihre Texte dem Theater. Von diesem will sie, dass er nur als Aufführung existiert, deshalb wird er auch nicht veröffentlicht.

Kennen Sie die Gründe dafür?

Wieler: Mit der aktuellen Debatte hat es nichts zu tun, auch nicht damit, dass Ulrike Meinhofs Tochter ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sah. Ich denke,Jelinek will nicht, dass man diesen Text auf einer falschen dokumentarischen Folie liest. Das Stück ist sehr umfangreich, und es scheint mir wichtig, dass die Sprache genügend Raum erhält, um sich zu entfalten, sie szenisch zu versinnlichen und nicht mit Action zu verdecken.

Wie haben nun Meinhof, Ensslin, Maria und Elisabeth miteinander zu tun?

Wieler: Der erste Teil ist ein Drama, in dem Meinhof als Untote ihre Familie heimsucht. Der zweite ist ein innerer Monolog Ensslins mit Anleihen aus ihren Briefen, ihrem Jargon und der Gewalt, die ihre Sprache in sich barg. Der dritte Teil ist wie bei Schiller die Begegnung der beiden "Königinnen". Neben den beiden Frauen gibt es noch den "Chor der Greise": das Spektrum von den RAF-Sympathisanten bis zu den -Kritikern jener Generation. Und die "Prinzen im Tower": Das sind die Kinder der Täter, exemplarisch für eine Generation der in den 60ern Geborenen, die heute die Haltung der Eltern anders hinterfragen.

Was trägt das Stück zur aktuellen Debatte bei? Hilft es uns weiter?

Wieler: Es zielt jedenfalls auf keine Oberflächenreizung. Es zeigt, was gesellschaftlich nicht verarbeitet wurde, weist hin auf das schwärmerisch-romantische Potenzial, auf die Verklärung von Ideologien und die Verblendungen dahinter. Es versucht eine Neuorientierung, wie man mit dieser Geschichte auch umgehen könnte.

Sie gelten als Spezialist für "unspielbare" Stücke wie etwa Jelineks Textflächen. Was reizt Sie daran?

Wieler: Letztlich haben sich die Stücke als besonders spielbar erwiesen. Aber es stimmt, man kann sie nicht "vom Blatt spielen". Da hilft mir möglicherweise meine Erfahrung im Musiktheater: Wie bei Partituren ist es die Aufgabe, sich genau in einen Text hineinzuhören. Jelineks Texte sind wie Musik. Sie bestehen mitunter aus vielen Sprach- und Sprachklangspielen, auch aus Kalauern. Ihr Blick auf die Geschichte ist zwar ein schmerzvoller, sie geht damit aber nicht pathetisch um, selten gefühlig, sondern bitter-ironisch. Jelinek schreibt keine Alltagstexte, man muss sie lesen und für die Gegenwart deuten wie die Klassiker, auch da reden Figuren in einer ästhetischen Sprache. Das reizt mich sehr.

Werden Sie weiterhin im schönen Wechsel Sprech- und Musiktheater inszenieren?

Wieler: Ja, manchmal verlagert sich das zu sehr zugunsten der Oper, weil da länger vorausgeplant wird. Aber ich bleibe dem Schauspiel treu.

Das Gespräch führte Christine Diller.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Ich liebe Happy Ends!“
Sie trifft den Puls ihrer Generation. Am Samstag kommt die Poetry-Slammerin Julia Engelmann in den Münchner Circus Krone, Restkarten gibt es mit etwas Glück an der …
„Ich liebe Happy Ends!“
Auseinandersetzungen mit Rechten auf der Buchmesse
Der Umgang mit der Neuen Rechten hat die Frankfurter Messe von Beginn an beschäftigt. Beim Besuch des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke kommt es am Samstag zu Konfrontationen …
Auseinandersetzungen mit Rechten auf der Buchmesse
Wanderkonzert: LaBrassBanda mit Fans auf der Hütte
LaBrassBanda ist alles andere als eine gewöhnliche Band. Da passt auch das neueste Konzert der Gruppe ins Bild: Auf 1300 Metern Höhe spielen die Musiker vor ihren Fans …
Wanderkonzert: LaBrassBanda mit Fans auf der Hütte
Wiedereröffnung am Gärtnerplatz: Die schrecklich nette Familie ist zurück
Mit der Eröffnungsgala „Es ist soweit!“ feiert das Münchner Gärtnerplatztheater an diesem Wochenende seine Rückkehr ins renovierte Stammhaus. Lesen Sie hier die …
Wiedereröffnung am Gärtnerplatz: Die schrecklich nette Familie ist zurück

Kommentare