Gespenstisch intensiver Sound

- 1994 geschah etwas Unfassbares: In den Hitparaden tauchte wie aus dem Nichts der Name Johnny Cash wieder auf, Kritiker überschlugen sich in Elogen auf den Altmeister der Country-Musik, und Rockbands spielten die alten Hits des "Man in black" nach. Auslöser des bemerkenswerten Comebacks war das Album "American Recordings", Cashs erste gute Platte nach 20 orientierungslosen Jahren. Bewusst karg eingespielt, klang dieses Werk wie aus der Welt gefallen, und die Neuinterpretationen fremder Hits begeisterten auch Musikfans, die mit Country-Musik eigentlich nichts zu tun haben wollten.

<P>Cash, der sich immer schon gegen Kategorisierungen gesperrt hatte, gefiel das, und er machte im gleichen Stil weiter. Drei weitere Cash-Platten mit dem gespenstisch intensiven Sound folgten; zuletzt im Jahr 2002 "The Man comes around", auf der Cash mit der beklemmend eindringlichen Cover-Version von "Hurt", das im Original der Jungspunde der "Nine Inch Nails" etwas unreif wirkte, ein letzter großer Geniestreich gelang. Die bedrückende Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit, die er in dem Lied so bedrückend beklagt, steht am Ende eines langen Weges, den Cash zurückgelegt hat.<BR></P><P>Am 26. Februar 1932 wurde er in Kingsland im US-Bundesstaat Arkansas geboren - viel tiefer in der Provinz kann man in den Vereinigten Staaten nicht zur Welt kommen. Cash wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, hielt sich unter anderem als Baumwollpflücker über Wasser, und nichts deutete auf eine Musik-Karriere hin. Erst der Militärdienst in Deutschland brachte die Wende in seinem Leben. Als Funker in Landsberg am Lech stationiert, tingelte er ab 1951 mit einer Band namens "The Landsberg  Barbarians"  durch<BR></P><P>Funker in Landsberg</P><P>Oberbayern und entwickelte als Autodidakt das Talent, einfache Akkorde zu einprägsamen Melodien zu verbinden. Zurück in den USA machte er sich als Komponist und Sänger einen Namen. Zusammen mit Elvis Presley zählte er Mitte der 50er-Jahre zu den Stars der "Sun"-Plattenstudios. So wie Presley die Rockmusik revolutioniert hatte, brachte auch Cash neuen Schwung in die Country-Szene - ironischerweise genau dadurch, dass er sich vom abgenutzten Idiom entfernte und Elemente des Rock und Blues einführte. Mit dem der herkömmlichen Country-Musik in der wahlweise die heile Welt beschworen oder christliche Erbauungslyrik dargeboten wird, hatte Cash nichts am Hut. <BR></P><P>Als "geborener Außenseiter" (Cash über Cash) sang er in kantiger Macho-Pose irritierend einfühlsam über Verbrechen, Verrat, Schmerz. In den 60er-Jahren wurde er auf diese Weise zum umstrittenen Superstar der Country-Musik und verstörte konsequent sein Publikum. Seine Musik mochten viele, aber Cash selbst blieb Freund und Feind suspekt. Er machte es sich und anderen nämlich nicht leicht. Als bekennender Patriot brachte er Kriegspräsident Richard Nixon Ständchen dar und prangerte gleichzeitig den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern an. Von der Flower-Power-Bewegung hielt er nicht viel, sang aber zum Entsetzen der konservativen Country-Fans dennoch gemeinsam mit Bob Dylan auf dessen Platte "Nashville Skyline". Und den größten kommerziellen Erfolg hatte er paradoxerweise mit zwei Live-Alben ("At Folsom Prison" und "At San Quentin"), die bei Konzerten in Hochsicherheitsgefängnissen mitgeschnitten worden waren und seine Abscheu vor der Todesstrafe demonstrierten.<BR></P><P>In den 60ern stilisierte er sich mit Drogen-, Alkohol- und Gewaltexzessen als böser Bube, pries dann aber nach einer schweren persönlichen Krise ab den 70ern als reuiger Sünder Gottes und trug fortan nur noch Schwarz, um auf das Unrecht in der Welt aufmerksam zu machen. Die einzige Konstante in dieser sprunghaften Biografie war neben der Musik seine Frau June Carter. Trotz einer zwischenzeitlichen Trennung blieb sie 50 Jahre lang Cashs Muse, sein Korrektiv und seine Komplizin. Als sie im Mai diesen Jahres starb, zog sich der ohnehin öffentlichkeitsscheue Cash völlig zurück und erlag nur vier Monate nach ihr (in der Nacht zum Freitag) den Folgen seiner Diabetes. Sein musikalisches Vermächtnis hatte er schon im Jahr 2000 aufgenommen. "Solitary Man" sei als sein letztes Album geplant, schrieb der Musiker auf die Hülle. Cash wäre freilich nicht Cash, wenn er danach nicht doch noch eine weitere Platte veröffentlicht hätte. Einer wie er konnte nicht anders, bis zuletzt. </P>

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