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Benjamin Bergmann zeigt bei Nusser & Baumgart völlig neue Arbeiten – hier Alu-Büsten mit verstellbaren Köpfen.

Gespräch zum Galeriewochenende

München - Aus rotem Megafon-Schlund dröhnte magenkitzelnd der Bass. Kleider über Kleider hingen in Drahtkörben hochgezogen an der Decke. Wem der Name Benjamin Bergmann auf Anhieb nichts sagt, der kennt aber auf alle Fälle die beiden Riesen-Installationen „Beben“ und „tief unten tag hell“.

 2006 lockte vor dem Lenbachhaus ein Schalltrichter die Neugierigen an. Und von 2008 bis 2010 staunten die Besucher der Pinakothek der Moderne über die bergmännische Gewand-Aufbewahrung von Künstler Bergmann im hehren Museum. Der 1968 in Würzburg geborene Bildhauer ist mittlerweile Münchner, aber mit Projekten überall unterwegs. Jetzt stellt er als Open-Art-Künstler bei Nusser & Baumgart aus. Mit dem langen Festwochenende Open Art starten die Galerien traditionsgemäß in die neue Saison (s. Kasten).

Haben Sie Erfahrungen mit der Open Art?

Es ist klar, dass es von Vorteil ist, wenn mehr Publikum kommt, gerade wenn man eine große Ausstellung plant. Der Galerie und mir war es wichtig, sie genau zu diesem Zeitpunkt zu zeigen. Ansonsten benutze ich wie alle anderen auch die Open Art, um durch möglichst viele Galerien zu gehen. Als Künstler ist man ohnehin immer an Kollegen und Galerien interessiert.

Was erwartet den Besucher bei der Schau, die Sie gerade aufbauen?

Infos zur Open Art

Öffnungszeiten: Freitag, 9. September, 18-21 Uhr. Party ab 22 Uhr im Haus der Kunst. Samstag/ Sonntag 11-18 Uhr. Alle Ausstellungen laufen dann bis Mitte Oktober; Eintritt frei.

Infostand: Hypo-Kunsthalle; außerdem: www.openart.biz.

Führungen: 10./ 11.9. um 14 Uhr, Treffpunkt in der Kunsthalle, 5 Euro; Voranmeldung: Tel. 089/ 29 20 15. Kinderführung in der Galerie Thomas am 10./ 11.9. ab 11 Uhr (Maximilianstraße 25).

Taxi-Zubringer: kostenlos, 10., 11.9. ab 11 Uhr beim Taxistand Dienerstraße (nur für Galerien außerhalb der Innenstadt).

Es gibt zwei Werkkomplexe. Da sind figürliche Arbeiten, eine Referenz auf meine klassische Bildhauerausbildung. Ich habe jetzt genauso gearbeitet und die traditionellen Techniken verwendet. Für mich ist es spannend, etwas zu gestalten, was keiner von mir erwartet hat. Den Bergmann kennt man durch seine großen Installationen wie „tief unten tag hell“ . Nun, bei den Köpfen und Figuren geht es um ein Schönheitsideal – und das Versagen dessen. Die Gips- und Alugüsse tragen noch die Spur des Gemachten. Ich habe aus dem Pool der Schönheitsvorstellungen der Warenwelt meine Modelle geschöpft. Ein Werk ist zum Beispiel „Die Pfauenfrau“, eine Riesenvitrine auf einem Sockel mit einer Schaufensterpuppe und hinter ihr eine Art Sonnenrad aus Stoff.

Und die andere Werkgruppe?

Das sind Feuerwerkskörper, die ich in Glaskästen gezündet habe. Für mich stellt sich die Frage: Was macht ein Werk aus? Ist die Energie stärker in dem Moment, in dem das Feuerwerk explodiert, oder in den Überresten davon? Das ist also eine Spurensuche: Es gibt einen Verweis auf etwas, das vergangen ist. Der Betrachter soll das mit seiner Fantasie auffüllen. Wann wird etwas zum Kunstwerk? Für mich muss ein existenzielles Moment dazukommen – in diesem Fall die Vergänglichkeit.

Ihre Ausstellung heißt „Leihgabe“. Kitzeln Sie mit solchen Titeln etwas beim Betrachter heraus?

Was mich immer beschäftigt, sind Dinge, die man nicht greifen kann. Das bewegt uns Menschen extrem. Wir wollen zum Beispiel wissen: Was bringt die Zukunft? Und darauf gibt es keine Antwort. Ich kann diese Fragen nicht mit Worten greifen und löse sie daher in Bildern auf. Die geben auch keine Antwort, grenzen aber das Problem stärker ein. Dazu kommt das Gefühl. Man riecht noch das Feuerwerk, denkt an Silvester – und die guten Vorsätze. Ähnliches bewegt mich bei den figürlichen Arbeiten, weil es dabei um ein Ideal geht. Im Ideal stecken Erwartungshaltungen – jedoch: Inwieweit werden die erfüllt? So gesehen, stelle ich den Betrachter immer in emotional geladene, sinnliche Räume, die in ihm ein Fühlen auslösen. Gerade mit den Titel kann man noch bestimmtere Richtungen angeben.

Nachgehakt: Der Humor in den meisten Ihrer Werke fällt schon sehr auf.

Ich spreche lieber von dem Moment des Absurden und der Auslenkung aus der Wirklichkeit, wie sie üblich ist. Man schafft eine Vergleichssituation: Das Absurde, das so anders ist als das Wirkliche, lässt einen über die Wirklichkeit nachdenken. Das Schöne an der Absurdität ist die Nachhaltigkeit ihrer Verwirrung, weil man sich irgendwann bei dem Gedanken ertappt, ob nicht eine gänzlich absurde Welt vielleicht attraktiver wäre als die wirkliche.

In Ihren Werken spielt der Alltag eine große Rolle. Wie bekommen Sie die Kunst ins Banale – zum Beispiel bei Ihren elektrischen Leitungen auf Putz?

Es ist ja oft so, dass wir Sachen anschauen und denken, wir haben sie begriffen. Und so gibt es den Moment, bei dem Kunst irritieren kann. Hier etwa die perfekt ausgebauten Galerieräume – und plötzlich liegt da eine Leitung auf Putz. Und immer, wenn wir irritiert sind, fangen wir an zu denken. Ich sehe stets den Betrachter im Dialog mit der Arbeit. Er betritt bei mir gewissermaßen das Bild: Es ist stets eine Aktion dabei.

Zurück zu den Figuren. Überkommt Sie da die Lust, wieder zu modellieren?

Das ist ganz klassische Bildhauerei! Da werden Körper modelliert. Da werden Formen ausgebaut. Das wird ausgegossen, mit Hammer und Klüpfel herausgeschlagen – wie bei Michelangelo. (Lacht.) Es ist tatsächlich so: Auch bei den Installationen profitiere ich von dem klassischen Wissen, denn es geht um Räume und Komposition. Ich habe einfach dieses Volumengefühl.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Die Ausstellung eröffnet bei der Open Art und läuft bis 15. Oktober, Di.-Fr. 12-18 Uhr, Sa. 12-16 Uhr, Steinheilstraße 18; Tel. 089/ 22 18 75.

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