+
„Ich bewundere das Publikum. Es hat immer Recht“: Herbert Blomstedt (89) gastiert wieder beim BR-Symphonieorchester

Interview zum Merkur-Konzertabo

Herbert Blomstedt: „Mein Alter ist nur eine Zahl“

  • schließen

München - Herbert Blomstedt, ältester aktiver Dirigent, ist wieder einmal zu Gast beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Der gläubige Adventist, der am 11. Juli seinen 90. Geburtstag feiert, leitet zwei Aufführungen der Johannes-Passion. Ein Gespräch über Bach, Religiosität und die Freiheit des Alters.

Sein Geburtsjahr muss eine faustdicke Lüge sein. Herbert Blomstedt, 89, bittet mit Schwung zum Gespräch in sein Leipziger Hotelzimmer, der Ehrendirigent des Gewandhausorchesters weilt wieder einmal in Sachsen. Champagner-Flasche („Ich trinke nicht!“) und Süßigkeiten, nette Gesten des Managements, werden weggeräumt. Man bleibt für die nächsten zwei Stunden beim Wasser. Wenige Tage noch bis zu Bachs Johannes-Passion beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal – für Blomstedt, den tiefgläubigen Adventisten und ältesten aktiven Dirigenten, ein besonderes Konzert. Die Aufführungen sind am 23. und 24. März, die erste findet im Rahmen des Merkur-Konzertabos statt.

Das letzte Mal haben Sie die Johannes-Passion im Jahr 2000 dirigiert. Was hat sich seitdem in Ihrer Haltung zum Stück verändert? 

Herbert Blomstedt: Das war in Leipzig in der Nikolaikirche. Alles hat sich verändert! (Lacht.) Nur die Partitur blieb dieselbe. Ich beschäftige mich seit meiner Jugend mit Bach. In meiner Schule gab es eine Orgel von etwa 1850, kein besonders gutes Instrument. Jeden Morgen haben alle 900 Schüler einen Choral gesungen, das war unsere „Morgensammlung“. An der Orgel saß auch immer ein bestimmter Schüler. Als der einmal nicht konnte, fragte mich mein Musiklehrer. Und bald war ich ganz gefangen von dieser Orgelwelt. Die Noten fast aller Bach-Werke lagen dort, die habe ich durchprobiert. Auch mein Debütkonzert bei den Stockholmer Philharmonikern 1954 begann mit Bach. Mit der Zeit musste ich natürlich mein Orchesterrepertoire erweitern, Bach kam dadurch nicht mehr so häufig vor, aber er ist mir immer geblieben. Einer meiner ersten Vorsätze hier beim Gewandhausorchester war: Ich wollte zeigen, dass man auch auf einem modernen Instrumentarium sinnvoll und historisch informiert Barock spielen kann. Wir haben dafür Kollegen wie John Eliot Gardiner, Roger Norrington und Frans Brüggen eingeladen. Die haben das Orchester infiziert mit diesen wunderbaren Bazillen.

Manche Dirigenten trauen sich an Bach nicht heran, weil sie den Vergleich mit den Spezialisten fürchten. 

Blomstedt: Bach ist zu bedeutend, um zu sagen: Ich befasse mich nicht damit. Jeder sollte das tun, sonst ist er kein vollständiger Musiker. Es gibt auch eine Mitschuld der Medien. Die prangern Kollegen an, die sich auf ihre Weise mit dem Barock auseinandersetzen, und schreiben, dass sie das angeblich nicht können. Ich habe mich nie für meine Bach-Pflege geschämt. Man muss ja nicht alle sogenannten Wahrheiten der Aufführungspraxis übernehmen.

Zum Beispiel? 

Blomstedt: Das ständige Nicht-Vibrato-Spiel. Ein Dogma. Ich bin ja ursprünglich Geiger. Es gibt eine Geigenschule von Geminiani aus dem Jahre 1751. Da steht: Vibrato müsse man so oft wie möglich anwenden. Entscheidend ist die Formulierung „wie möglich“. Es dreht sich also um die richtigen Stellen. Die muss man herausfinden. Abgesehen davon sind die sogenannten Spezialisten einander sehr unähnlich. Das finde ich erfreulich.

Bachs Musik, das ist ein Phänomen, verträgt eine große Interpretationsbreite, von Wilhelm Furtwängler über Karl Richter und Ihnen bis zu Nikolaus Harnoncourt. Zu Schubert und Schumann ist es viel schwieriger, den Schlüssel zu finden.

Blomstedt: Das ist richtig. Es liegt an der Natur der Musik. Die Barockmusik ist im Gesamtbild neutraler, man darf sie nur nicht neutral spielen, sondern mit Überzeugung. Man sollte vielleicht auch etwas Falsches riskieren. Entscheidend ist immer die persönliche Beziehung des Interpreten dazu. Ich glaube, dass die Barockmusiker damals hochemotional gespielt haben. Abgesehen davon wirkt sich die Beschäftigung mit dem Barock sehr gut aufs übrige Repertoire aus.

Glauben Sie, dass allen Musikern und Zuhörern heute die Inhalte der Johannes-Passion wirklich bewusst sind? Dass klar ist, was die einzelnen Choralzeilen zum Beispiel bedeuten?

Blomstedt: Dieses Wissen ist – abgesehen von der eigentlichen Passionshandlung – weitgehend verloren gegangen. Dafür muss man die Texte gut kennen. Aber man sollte nicht alle Musiker und Zuhörer über einen Kamm scheren. Allein die Musik trägt bereits eine Botschaft in sich, die intutitiv und emotional verstanden wird. Kommt dann noch das Wissen um die Texte dazu, kann ein enormes Erlebnis die Folge sein. Ich denke da nur an die unglaubliche Wirkung des Schlusschorals der Johannes-Passion, in dem Bach sehr persönlich wird. Auch ich werde am Jüngsten Tage wiederauferstehen, heißt es da. Auch ich selbst bin also ganz unmittelbar betroffen von Tod und Auferstehung Christi. Der Choral wurde zu Bachs Zeiten übrigens heftig kritisiert. In der Karfreitagsliturgie die Auferstehung vorwegnehmen, und dann so triumphal gestaltet, darüber waren die Orthodoxen entsetzt.

Sehen Sie sich auch als Missionar, wenn Sie religiöse Werke aufführen?

Blomstedt: Ja. Aber so sehe ich mich bei jedem Werk, auch bei einer Haydn-Symphonie. Manchmal kennen die Menschen diese Stücke nicht. Unsere Gesellschaft wird ja bombardiert mit akustischen Reizen. Die Stimmen mancher Komponisten gehen dadurch unter. In diesem Sinne sind wir alle Missionare, wir spielen ja nicht nur, um die Leute zu amüsieren – sondern auch, um sie zu beeinflussen.

Ich meinte damit auch die Inhaltlichkeit, die Verkündigung einer Botschaft. Fühlen Sie sich als Konzert-Priester?

Blomstedt: Nein. Ich will keinen im Konzert davon überzeugen, dass er Christ werden soll. Das fällt mir gar nicht ein. Gott ist für mich groß und offenbart sich auch in jeglicher Form der Musik. Ohne einen Schöpfer könnten wir nichts Anständiges schöpfen. Wir sind nur kleine Nachklänge von ihm. Die Musik, die wir spielen, ist unglaublich groß. Inhaltlich, emotional, intellektuell, vieldeutig. Ich bin nun wirklich kein Muslim. Aber deren Aussage „Gott ist groß“ finde ich gut und richtig. Christen sollten sich daran ein Beispiel nehmen. Manchmal ist da Gott nur groß unter der Bedingung, dass wir dieses und jenes Dogma unterschreiben. Man vergisst dabei, dass Gott die Hauptsache ist.

Bot Ihnen neben der Religiosität demnach auch die Musik immer Halt im Leben?

Blomstedt: Das kann man so sagen. Ich bin ja Pfarrerssohn. Die Bibel gehörte zur täglichen Routine. Mein Vater hat immer zum Frühstück einen Bibeltext gelesen, dann haben wir das Vaterunser gebetet. Meine eigentliche Passion aber war, noch vor der Musik, der Fußball!

Bachs Passionen wird auch Antisemitismus vorgeworfen. In den dramatischen Turba-Chören, so wird kritisiert, würden Karikaturen der hassenden Juden gezeichnet.

Blomstedt: Daran ist die Kirche, wenn man die vergangenen Jahrhunderte betrachtet, nicht ganz unschuldig. Der Vorwurf der Christen, die Juden hätten Christus getötet, stand immer im Raum. Auch in der Johannes-Passion wird ja oft von „den Juden“ gesprochen, die dies und das getan hätten. Und dabei wird ein wichtiger Zusammenhang vergessen: Alle waren sie doch Juden damals, auch Jesus. Bach hat in seiner Passion nun etwas sehr Wichtiges getan. Wenn Jesus gemartert wird, schiebt er einen Choral ein: „Wer hat dich so geschlagen?“, heißt es da. „Ich und meine Sünden“, antwortet die Gemeinde. Ich habe Schuld, bedeutet das, nicht der Angehörige irgendeiner Gruppe.

In Ihren Programmen häufen sich manche Komponisten und Werke. Gewinnt man im Alter die Freiheit, sich nur noch seinen Lieblingen zuwenden zu dürfen?

Blomstedt: Das scheint vielleicht so. Der Grund ist ein anderer: Als Chef eines Orchesters hat man sehr viele Repertoire-Verpflichtungen, dem Orchester und dem Publikum gegenüber. Das alles fällt weg, wenn man nicht mehr Chef ist. Ich bewundere das Publikum. Es hat ja immer Recht. Und es hat bezahlt. Wenn es uns nicht gelingt, für ein Werk zu begeistern, haben wir vielleicht einen falschen Ansatz gewählt. Ich bin dankbar für die vielen hundert Uraufführungen, die ich dirigieren durfte. Das hat auch meine Welt verändert.

Warum möchte eigentlich alle Welt Bruckner immer nur von älteren Dirigenten hören?

Blomstedt: Der ist einfach schwierig zu spielen. Die größten Klassiker sind immer die schwierigsten. Glauben Sie mir: Es ist viel einfacher, ein Werk aufzuführen, das erst gestern vollendet wurde. Im Standardrepertoire kommt das Alter ins Spiel, weil man mehr Erfahrung hat. Und auch, weil es einem immer mehr egal wird, was andere denken. Ich bin nicht mehr abhängig von anderen.

Wolfgang Sawallisch hat gesagt: Wenn er noch mal auf die Welt kommen würde, dann würde er wieder Dirigent werden – aber nicht mehr Chef sein wollen. Wegen der Last der Administration. War es für Sie immer wichtig, Chef zu sein, um alles zu lenken?

„Man kann sich sein Leben nicht verdienen“: Herbert Blomstedt, schwedischer Dirigent, war früher Chef unter anderem beim Leipziger Gewandhausorchester und beim San Francisco Symphony Orchestra.

Blomstedt: Ihre Frage hat eine Nuance, der ich anders begegnen möchte. Es war mir nie wichtig, Karriere zu machen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass mir die Orchester, die ich in meiner jeweiligen Situation brauchte, immer in den Schoß gefallen sind. Wenn ich an meinen Werdegang denke: Mir wäre es gar nicht möglich gewesen, als freier Dirigent umherzuziehen. Bei Sawallisch war das vielleicht anders, weil er ja an Opernhäusern Chef war und da täglich noch mehr Administratives zu erledigen war. Wir haben übrigens zusammen bei Igor Markewitsch in Salzburg studiert. Ich hatte damals noch kein Orchester, Sawallisch war schon in Augsburg engagiert. Er hat dann den Kurs ziemlich schnell verlassen, diese Lehre brauchte er nicht mehr. Ich schon. Ohne dass ich ihn persönlich näher kennengelernt habe, glaube ich, dass wir uns ziemlich ähnlich sind in unserer Grundhaltung. Da fällt mir übrigens eine Geschichte ein: Als ich erstmals die Berliner Philharmoniker dirigieren durfte, 1976 oder 1977 war das, da sollte die Generalprobe am Samstag sein. Ich habe ihnen mitgeteilt, dass mir eine Probe am Sabbat aus Glaubensgründen nicht möglich ist, und fragte, ob man den Plan ändern könnte. Da schrieb mir Intendant Wolfgang Stresemann einen klaren, nicht unfreundlichen Brief, in dem es hieß: „Wenn Sie nicht verstehen, dass wir diesen Probenrhythmus haben, dann sind Sie vielleicht doch noch nicht der richtige Gastdirigent für uns.“

Und wie lösten Sie das Problem bei all den anderen Orchestern?

Blomstedt: Mirakulöserweise hat das immer geklappt. Ich bin dankbar dafür, dass auch bei meinen frühen Chefstellen die Pläne geändert wurden. Sogar Generalproben sonntags waren möglich. Das gibt es heute wohl nicht mehr, allein wegen der Stellung der Gewerkschaften.

Ist man als Dirigent eigentlich froh darüber, älter zu werden? Weil das Auftreten vor den Orchestern dann leichter wird?

Blomstedt: Ja. Für jeden jungen Dirigenten ist die Arbeit mit gestandenen Orchestern schwer. Die haben ja viel mehr Erfahrung und denken: Mit welchem Recht steht der vor uns? Und manche Orchester geben diese Haltung auch deutlich zu erkennen. Zu meiner Anfängerzeit waren die Orchester in Schweden extrem lethargisch. Mit den richtigen Dirigenten waren sie tüchtig und haben schön gespielt. Und dann kam ich... Diese Situation muss man überwinden lernen. Die einzige Chance ist: enorm gut vorbereitet zu sein. Ich musste zu dem Punkt kommen, an dem niemand die Partitur so gut kannte wie ich. Das zu zeigen, ohne es zu sagen oder es die Musiker im negativen Sinne spüren zu lassen, schafft eine Basis des Respekts. Unsere beste Möglichkeit ist übrigens, neue Musik zu spielen. Die kennt das Orchester nicht.

Waren Sie jemals so frustriert, dass Sie zu einem Solo-Instrument zurückkehren wollten?

Blomstedt: Nein. Aber es gab schon frustrierende Momente. Zu meiner Anfängerzeit zum Beispiel mit den Stockholmer Philharmonikern. Einmal dirigierte ich dort die siebte Symphonie eines schwedischen Komponisten, Sven-Eric Johanson. Das Schlimmste, was ich mir antat. Gekonnt geschrieben, aber total ohne Emotion, sehr konstruiert. Ich musste das Orchester ständig davon überzeugen, das sei ein Meisterwerk, obwohl ich total anderer Meinung war. Ich stand unter irrsinniger psychischer Spannung. Das Orchester machte gut mit, im Konzert kam dann nach der Pause Haydns 102. Symphonie. Im zweiten Satz musste ich raus, um mich zu erbrechen. Ich wurde ärztlich betreut, bin wieder rein und habe weitergemacht. Ein Kritiker übertitelte seinen Text damals mit „Doppeltes Unwohlsein“. Er meinte die Symphonie und mich.

Wie wichtig ist Ihnen denn der Sprung zum nächsten Nuller-Geburtstag im Juli? Nikolaus Harnoncourt meinte einmal, ihn kümmere es nicht mehr, ob da eine 9, 0 oder 1 am Ende der Alterszahl stehe.

Blomstedt: Das Wesentliche ist: Wir wissen nicht, wie lange wir leben. Also müssen wir für jeden Tag dankbar sein. Man kann sich sein Leben nicht verdienen, es ist immer ein Geschenk. Ich werde ständig gefragt: „Was ist ihr Geheimnis?“ Und alle wollen hören, dass ich keinen Alkohol trinke, dass ich nicht rauche, dass ich den Sabbat halte und so weiter. Das hilft vielleicht, aber es ist nicht entscheidend. Sibelius hat enorm viel Alkohol konsumiert und wurde sehr alt. Oder nehmen Sie nur Churchill. Ich denke über mein Alter nicht übermäßig nach, das ist nur eine Zahl. Ich hatte einen wunderbaren Bruder, er war drei Jahre älter. Er wurde Arzt und hat auch mich betreut. Wir haben dieselben Gene, dieselbe Lebensauffassung, er war sogar noch ein bisschen balancierter als ich. Alle hat er umfangen mit seiner Güte. Ein fantastisches Vorbild. Und er hatte alle Krankheiten der Welt. Am Ende seines Lebens sagte er mir: „Du bist unverschämt gesund!“

Gibt es für Sie Tage, Wochen auch ohne Musik?

Blomstedt: Sie ist immer präsent in meinem Kopf. Aber ab Freitagabend und den Sabbat über wird nicht studiert. Das ist auch etwas sehr Positives. Ich gebe Konzerte am Sabbat, halte aber unter keinen Umständen Proben ab. Als ich bei meinem Abschlusskurs unter Igor Markewitsch Bachs fünftes Brandenburgisches Konzert ausgerechnet am Sabbat dirigieren sollte, sagte ich ihm, dass das nicht ginge. Darauf er: „Du kannst doch eine Sondererlaubnis von deinem Priester bekommen.“ Aber das funktioniert eben bei den Katholiken. Ausnahmen vom Dogma sind da überraschend oft möglich. Bei uns nicht. Jesus hat ganz klar gesagt: Der Mensch ist nicht dazu da, um den Sabbat zu halten. Der Sabbat ist da für den Menschen. Es geht nicht darum, dass man sich mit seiner Frömmigkeit brüstet. Das ist der verkehrte religiöse Ansatz – auch wenn er in vielen Konfessionen gepflegt wird.

Und was passiert nun genau am 11. Juli?

Blomstedt: Mein Geburtstag wird quasi aufgeteilt. Wohin ich auch komme, wird gefeiert. Auch vorher. Vor einiger Zeit in San Francisco bei meinem alten Orchester gab es gleich zwei Termine. In Schweden werde ich am 11. Juli auf einem alten Schloss, das jetzt ein Internat ist und auf dem meine vier Töchter waren, mit 200 Verwandten und Freunden feiern. Im Alten Rathaus in Leipzig gibt es dann im September eine offizielle Feier. Ich habe schließlich viele Kontakte auch zu Menschen außerhalb der Musik...

...die man gerade in Ihrem Beruf dringend braucht.

Blomstedt: Ja, sonst verdirbt man in der eigenen Sülze. Gerade in meinem Beruf droht sich das Gefühl einzuschleichen, man sei bedeutend. Ich bedeute nur in meinem Kreise etwas. Aber sonst...? Elias Canetti hat einmal geschrieben: „Erfolg ist das Rattengift des Menschen.“ Das ist sehr wahr. Erfolg ist gut und wichtig, man muss aber mit ihm umgehen lernen.

Aber ist die Macht, die man als Dirigent spürt, nicht doch etwas Angenehmes? Macht per se muss doch nichts Negatives sein.

Blomstedt: Natürlich gibt es da ein bestimmtes Gefühl. Mir ist bewusst, dass ich Einfluss nehme in und mit meiner Arbeit. Bei mir löst das ein Glücksgefühl aus. Ich freue mich, dass es mir vergönnt ist, mit so guten Musikern so gute Musik aufzuführen. Und die Musiker beeinflussen doch auch mich. Immer wenn ich gefordert bin, ein Machtwort zu sprechen, fällt mir es schwer. Manchmal mag das notwendig sein. Mir ist das peinlich. Das ist vielleicht eine Schwäche. In Amerika war so etwas früher sehr notwendig, da konnte in den Zwanziger-, Dreißigerjahren der Dirigent ohne Grund jemanden entfernen. Es gibt da eine wunderbare Geschichte. Fritz Reiner, der extrem akkurate Dirigent, war mit seinem Orchester auf Reisen. Ein junger Cellist vom letzten Pult kam in letzter Sekunde in den Saal. Zwei Tourneeprogramme gab es, er hatte keine Ahnung, welches Werk dieses Mal am Anfang stand. Strauss' „Don Juan“ mit seinem auffahrenden Beginn oder Ravels „Daphnis et Chloé“. Letzteres war der Fall, er spielte aber wie wild den Strauss-Beginn. Nachher entschuldigte er sich verzweifelt bei Reiner. Der: „Junger Mann, Sie sind gefeuert!“ Der Cellist: „Oh nein, es tut mir so leid, es wird nicht wieder vorkommen.“ Reiner: „Es geht nicht darum, was, sondern wie Sie es gespielt haben!“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wiener Tatort-Star Adele Neuhauser: „Ich bin mir lange im Weg gestanden“
Die Wiener-Tatort-Kommissarin Adele Neuhauser erzählt im Interview von ihrer Autobiografie. Mutig aber nicht voyeuristisch - so sollte ihr Buch werden. Nun wird bereits …
Wiener Tatort-Star Adele Neuhauser: „Ich bin mir lange im Weg gestanden“
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Es war eine „Stimmbandentzündung mit Aphonie“ (Stimmverlust), die Sänger Jason „Jay“ Kay von Jamiroquai zum Abbruch des Konzerts am Donnerstagabend in der fast …
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“
Es sei die intensivste Rolle ihrer bisherigen Karriere gewesen, sagt Diane Kruger. Belohnt wurde die 41-jährige Deutsche, die seit 25 Jahren in den USA lebt, in diesem …
Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“
Neu ergänzt und wie neu gehört: Mozarts Requiem mit René Jacobs
Schon wieder ein Mozart-Requiem auf CD? Wenn man es so aufregend deutet und eine so überzeugende Neufassung bietet wie René Jacobs - unbedingt!
Neu ergänzt und wie neu gehört: Mozarts Requiem mit René Jacobs

Kommentare