Brand an der Wiesn - Einsatz läuft - Beißender Gestank in der Luft

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„Einfühlsame Dirigentenpersönlichkeiten bringen einen weiter“: Florian Sonnleitner (Mi.) mit dem aktuellen Orchesterchef Mariss Jansons.

Florian Sonnleitner: Spielen für die Seele

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Nicht mehr lange, dann geht Konzertmeister Florian Sonnleitner in Rente und verlässt das BR-Symphonieorchester. Im Gespräch blickt er zurück auf die vergangenen 40 Jahre.

Er ist eines der wichtigsten Gesichter des BR-Symphonieorchesters – und das nicht nur, weil Florian Sonnleitner als einer der drei Konzertmeister stets ganz vorne sitzt. Dieses Ensemble ohne ihn? Kaum vorstellbar ist das im Falle des gebürtigen Münchners, der 1976 ins Orchester kam, zehn Jahre später Konzertmeister wurde und auch erfolgreiche Solo-Projekte verfolgt. Ende Januar wird der Geiger seinen letzten Münchner Dienst absolvieren. Dann gibt es im März noch einen Tournee-Einsatz in Luzern, danach wird Ausstand gefeiert: Sonnleitner geht in Rente.

In diesen Tagen dirigiert Riccardo Muti noch einmal das Verdi-Requiem im Herkulessaal. Mit dem Stück hatte er 1981 bei Ihrem Orchester debütiert. Ein legendärer Abend.

Florian Sonnleitner: Von den fünf, sechs Requiem-Versionen hat mich diese emotional am direktesten gepackt, vielleicht auch, weil ich das Stück damals zum ersten Mal gespielt habe. Allein Jessye Norman und Agnes Baltsa auf dem Zenit ihres Könnens, so etwas ist unwiederholbar. So muss sich das Verdi gedacht haben. Vielleicht hat Muti als Neapolitaner einen besonders authentischen Tonfall getroffen und das unmittelbare Erleben des katholischen Schreckens etwa im „Dies irae“ ermöglicht.

Sie stammen aus einem musikalischen Elternhaus, ihr Vater Fritz Sonnleitner war Konzertmeister bei den Münchner Philharmonikern. Hatten Sie überhaupt die Chance, etwas anderes als Musiker zu werden?

Sonnleitner: Wahrscheinlich nicht. Ich habe nie eine Alternative gesehen, das Talent hat sich ja früh gezeigt und wurde gefördert. Vermutlich wäre ich ohne dieses Elternhaus Kunsthistoriker oder Restaurator geworden. In gewisser Hinsicht gab es eine Konkurrenzsituation. Ich war wohl erst mit 30 so weit, auch nach dem Preis beim ARD-Wettbewerb, dass ich mir sagen konnte: Jetzt hast du deine eigene künstlerische Position eingenommen. Deshalb war es so wichtig, dass ich zum BR-Symphonieorchester bin, gerade weil mein Vater bei den Philharmonikern spielte. Der andere Grund: Damals hat der BR als einziges der großen Münchner Orchester sofort das Endgehalt ohne allmähliche Steigerungen für Neulinge gezahlt.(Lacht.)

Würden Sie in der jetzigen Situation, auf diesem Kulturmarkt, wieder beim BR anfangen? Oder würde Sie zum Beispiel ein Spezialistenensemble aus der Alten Musik locken?

Sonnleitner: Ich würde wieder zum BR gehen. Ich schätze mich glücklich, miterlebt zu haben, wie das Orchester in den vergangenen 40 Jahren seine Qualität steigern konnte. Und ich bin froh, dass ich die Herzenswärme, die Rafael Kubelik in seiner Zeit als Chefdirigent ausstrahlte, erleben durfte. Wenn Sie mich nach meinen fünf bis zehn unvergesslichen Momenten fragen, dann gehört dazu die Atmosphäre, die unter Kubelik bei den Beethoven-Klavierkonzerten mit Rudolf Serkin geherrscht hat. Natürlich sind wir technisch jetzt viel weiter. Aber wie sinnlich, schön und aus sich selbst heraus das damals geklungen hat, fand ich großartig.

Ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem man sich sagt: Ich kenne sie alle, diese Dirigententypen, mir macht keiner etwas vor?

Sonnleitner: Ja, weil man ein immer genaueres Sensorium dafür bekommt, was die jeweilige Dirigentenpersönlichkeit vermag. Das bleibt auch das Faszinierende an dem Beruf: wie jemand mit seiner Körpersprache und Charisma Menschen an sich bindet. Musiker bemerken sehr schnell, wie die Zusammenarbeit wird. Zum Glück gibt es keine althergebrachten autoritären Verhaltensweisen mehr.

Sind Orchester selbstbewusster geworden?

Sonnleitner: Ich spreche ungern von „dem Orchester“. Viele Mitglieder sind sicherlich selbstbewusster. Wenn man sich heute den Briefwechsel zwischen dem damaligen Orchestervorstand und Rafael Kubelik anschaut, dann war der sehr vom Geist der Sechzigerjahre geprägt, wie die Korrespondenz mit einem gütigen Patriarchen. Das Orchestermanagement versteht seine Position heute ganz anders, partnerschaftlicher. Konflikte werden schon im Entstehen gelöst.

Und wie hat sich die Stellung innerhalb des BR verändert? Wächst der Rechtfertigungsdruck?

Sonnleitner: Wir hatten das Glück, sehr oft Intendanten mit einem humanistischen Weltbild zu haben, die sich dem Orchester nahe gefühlt haben und noch nahe fühlen. Es hängt aber auch ab von der gesellschaftlichen Debatte, ob Klangkörper zum Grundversorgungsauftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders zählen. Meiner Meinung nach gehört dazu, dass wir pro Woche mindestens zwei Sendestunden auf höchstem Niveau liefern.

Eine Art Lebensversicherung ist doch auch der neue Saal, der vom BR bespielt werden wird.

Sonnleitner: Das stimmt, da entfaltet sich ein Sog. Ein Saal im Werksviertel wird den Kulturbetrieb verändern, was die Breitenwirkung und die pädagogische Arbeit des Orchesters betrifft. Es geht jetzt raus aus dem Elfenbeinturm der reinen Klassikpflege. Das führt dazu, dass die Musiker einen ganz anders gearteten Fulltime-Job haben und neben den reinen Proben- und Konzertdiensten mehr Education-Arbeit leisten werden. Junge Kollegen werden sich da noch anders einbringen als ich. Ich bewundere diese Leistungsbereitschaft sehr.

Wie groß ist die Wehmut, wenn Sie an Ihren Abschied denken?

Sonnleitner: Fragen Sie mich im April noch einmal, wie sehr ich diesen Klang vermisse. Auf der anderen Seite ist es doch so: Ich bin jetzt 40 Jahre dabei, und der Körper wird nicht jünger. Da hört man doch lieber bei voller geistiger und physischer Gesundheit auf. Und zur Wehmut: Das widerspricht eher der Wahrnehmung, die die Menschen von mir haben.

Bei was fahren Sie aus der Haut?

Sonnleitner: Das passiert mir nicht, ich bin ein verträglicher Mensch. Der Beruf formt auch den Charakter – bei allen Grundvoraussetzungen, die man mitbringt. Das ist der positivste Einfluss meines Vaters: Er wusste immer genau, was falsch ist und wie man es behebt. Diese Gabe habe ich wohl auch. Ich kann mich für eine Gruppe meistens in einem Satz verständlich machen, ohne etwas vorzuspielen, das hat mir als Konzertmeister sehr geholfen. Das Schöne an meinem Beruf ist: Man bringt seine Stärken ein, und bei den anderen Bereichen helfen einem die Kollegen oder einfühlsame Dirigentenpersönlichkeiten. Die seelische Emotion bringt einen weiter und macht gesund. Ich freue mich immer, wenn 90-jährige Ex-Kollegen zu unseren Konzerten kommen und diesen glücklichen Schimmer auf dem Gesicht haben. Als Orchestermusiker geht es einem nie ganz schlecht.

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