Gespräch mit der Schauspielerin Marie Bäumer: Das schiere Leben

München - Sogar auf der öffentlichen Toilette am Salzburger Dom ist Marie Bäumer schon angesprochen worden, von einer Dame, die sich gerade vordrängeln wollte und es dann doch nicht tat: Ob sie die neue Buhlschaft sei? Fotografen und Presseleute buhlen schon seit Beginn der Proben vor einigen Wochen um die Gunst der namhaften Neubesetzung im Salzburger "Jedermann".

"Das ist wie auf der Berlinale", sagt die in jeder Geste hochbewusste, umsichtige Schauspielerin, die mit Detlev Bucks "Männerpension" bekannt wurde und für "Der alte Affe Angst" den Bayerischen Filmpreis erhielt. "Es befremdet mich, wie wichtig die eigene Person in all der Presseaufmerksamkeit ist. Wo ich doch, wie ich es gelernt habe, mich von mir entferne, um eine Figur auf die Bühne zu stellen. Für die ist es uninteressant, was sie noch mit mir zu tun hat."

Trotzdem bewahrt sich die 38-jährige Hamburgerin, die in ihrer weißen Folklore-Bluse mit den weiten Ärmeln übergangslos vom aufgenockerlten Salzburg ins mittelalterliche Mysterienspiel schlüpfen könnte, ganz offensichtlich ihre fröhliche Unbeschwertheit. Eigentlich habe sie, die sich wegen ihres Sohnes für das Filmgeschäft mit seinen Drehpausen entschieden hat, "klein und leise" wieder mit dem Theaterspielen anfangen wollen. Und nicht mit Hugo von Hofmannsthals prestigeträchtigem Salzburg-Klassiker vom "Sterben des reichen Mannes", den nach zwei Jahren Pause erneut Christian Stückl in leicht veränderter Form, mit neuem Schluss, inszeniert (Premiere am 28. Juli um 17.30 Uhr).

Zweimal sei ihr die Rolle angeboten worden. "Beim dritten Mal fragen sie dich für die Rolle der Mutter", sei ihr klar gewesen. Und so habe sie zugesagt, auf der Waschmaschine sitzend, mit einem Glas Champagner in der Hand. Champagnerlaune sei schon angebracht für diese Herausforderung: "Das Publikum kennt ja jeden Satz." Und ob sich der Jedermann Peter Simonischek nach seinen Verflossenen, Veronica Ferres und Nina Hoss, noch einmal auf eine Neue einlassen würde? Eine überflüssige Sorge: "Simonischek und Stückl sind sehr offen. Bei der ersten Probe gab es schon sehr spannende Momente."

Viel mag Bäumer über die neue Buhlschaft nicht verraten, aber immerhin: "Ich will mich bewegen können. Und nicht so eingespannt sein, dass mir das Dekolleté an den Ohren hängt. Meine Buhlschaft gehört dem einfachen, fahrenden Volk an. Dort hat sie ihre Erfahrungen mit den Buben und Musikanten gemacht. Sie ist eine junge, wilde Frau, der Natur entspringend, das schiere Leben, bis in jedes Extrem hinein."

Fragen nach ihrem Verhältnis zur Moral des Stückes wehrt die unkomplizierte Schauspielerin harsch ab: "Ich bin nicht zuständig für die Gesamtaussage. Aber ich würde gerne eine Zeitreise zum Publikum der Uraufführung machen. Wir stehen nicht mehr ehrfürchtig wie ein Kind mit großen Augen vor dem Glauben. Die Wirkung hat sich extrem verändert." Sie empfinde das Stück wie eine Figur des Bildhauers Ernst Barlach: "Eine grobe, archaische Skulptur, kantig. Es ist diese Oberfläche, die mich reizt."

Wie sie sich fühle in der Festspielstadt, wollen die Salzburger häufig von ihr wissen. "Ich habe mich sofort verliebt, will alles aufsaugen, die Zeit hier nutzen", antwortet sie dann. Und wie steht sie zur "Österreichfrage": erst die Buhlschaft, dann Romy Schneider? Was ist dran an dem Gerücht, sie solle die österreichische Ikone im Film darstellen? "Ich habe gar nichts geplant. Und ich wette, es wird nach all den Spekulationen gar keinen Romy-Schneider-Film geben."

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“
Man kann ihn als verrucht und verdorben abtun, man kann allerdings auch die Schuld ein Stück weit bei den Opfern Don Giovannis suchen - so wie es Regisseur Herbert …
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“

Kommentare