Gestaltungskünstler

- Der Chef macht Urlaub von Wagner. Denn seine Bayreuther Wochen, wo derzeit am neuen "Ring" gewerkelt wird, hat Christian Thielemann für zwei Münchner Projekte unterbrochen. Fürs Konzert mit den drei Orchestern im Olympiastadion, zuvor noch für eine Abo-Serie mit seinen Münchner Philharmonikern. Ein extrem motivierter, keine Nuance auslassender Dirigent: Da hat's ein Solist naturgemäß schwer.

Doch Lars Vogt fand in Brahms' zweitem Klavierkonzert zu einem fast symbiotischen Musizieren mit Thielemann. Beide einte die Lust an der kraftvollen Geste. Vogt spielte mit raumfüllendem Ton, mied das Donnern, erzielte vielmehr ein straffes, uneitles Pathos. Das Finale entwickelte sich zum geistreichen Dialog, doch gezaubert wurde bereits vorher im Andante, das nie in Gefühligkeit zerfloss: Vogt wagte aufregende Farbmischungen, Helmar Stiehler steuerte die noble Süße seines Cello-Tons bei, für die er Extra-Bravi bekam.

Auch in Schumanns zweiter Symphonie schien Christian Thielemann zu jeder Schattierung entschlossen. Ein Gestaltungskünstler, der mit seinen Musikern tief ins Werk eindrang, hier eine dramatisch begründete Verzögerung platzierte, dort Details hervorhob und das alles einer großen, bezwingenden Idee unterordnete. Der zweite Satz wurde nicht als brillante Streicher-Etüde missverstanden, erhielt vielmehr substanzreiche Struktur. Thielemann setzte überhaupt auf flexible, an der musikalischen Dichte orientierte Tempi. Nicht immer gelangen (zumindest im Freitagskonzert) solche Manöver, etwa als Thielemann, nach einem Adagio von enormer Intensität, das Finale förmlich losplatzen ließ.

An solchen Tagen freilich, wenn die Philharmoniker das vorführen dürfen, was sie unverwechselbar macht, diesen dunklen, warmen, muskulösen, nie verfetteten Klang, sind sie unschlagbar. Eines der bislang besten Thielemann-Konzerte.

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