Gesten der Begegnung

- Allein für seine Heimatstadt Landshut schuf er mehr als 20 Brunnen. In Bad Griesbach sprudelt seit 1991 sein Franziskusbrunnen. Brav spazieren die Tiere hintereinander ums Wasserbecken, überragt vom Vogelbaum des Heiligen. Das Bronzemodell dazu steht jetzt in der weit über 100 Werke umfassenden Retrospektive, mit der Landshut den demnächst 75-jährigen Bildhauer Karl Reidel würdigt: in der hohen gotischen Halle der ehemaligen Spitalkirche Heiliggeist.

<P>In seiner Obergangkofener Gießerei und Werkstatt entstanden unzählige Arbeiten für den kirchlichen Gebrauch, Denkmäler, Einzelfiguren und Gruppen, viel Tierplastik, dazu Gedenk- und Schrifttafeln. Wie kein anderer prägte Reidel das Erscheinungsbild der modernen Skulptur und Plastik in Niederbayern. Kunst in den täglichen Wirkungsräumen, nicht für Museen: </P><P>Abstraktion und Figürlichkeit im besonderen Gepräge des Statuarischen. Aus Reidels vielen Abendmahlsvarianten gingen seine "Tafelrunden" und die "Diskussionen" hervor, das Beieinander schließlich der Arbeiter auf Baugerüsten. Die Gesten der Begegnung und des Gesprächs, der stillen Versammlung und der Emphase wurden früh schon zu Reidels Thema.</P><P>Nach Steinmetzlehre und Münchner Akademie (Schüler von Anton Hiller) mit der Schulung in der Gießerei war Reidel prädestiniert dafür, als einer der wenigen Bildhauer in neuerer Zeit ganz und gar auf eigenen Füßen stehen zu können. Die gerade in Landshut vorhandenen mittelalterlichen Vorbilder verband er mit Reduktionen auf Grundformen, wie sie schon bei Hiller zu erlernen waren: Kugel, Kegel, Zylinder. Dazu dürre, oft stachelartige Arme und Stelzenbeine, flache, brettartige Körper. Eines der Vorbilder war der Engländer Kenneth Armitage.</P><P>Es ist die zeichenhafte Kargheit der 50er- und 60er-Jahre, fromm und bescheiden in der Grundhaltung, starr und beständig im Kontrast zum Wirtschaftswunder ringsum. Manche Formen Reidels rundeten sich später, zumal in der Tierplastik, doch das aufragend Statuarische blieb dominant. Sympathischer als die glatte Bronze ist oft das Eichenholz. Beigegeben wurde der Ausstellung einiges aus den Sammlungen der Reidels: Gebrauchsglas, Volkskunst, Fundstücke.<BR><BR>Bis 6. Oktober, täglich außer montags 10-17 Uhr, Katalog 24 Euro. Tel. 0871/92 23 89-0.<BR> </P>

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