Das gestohlene Herz

- Gibt es das, ein Schicksal, das zwei Lebenswege unzertrennlich ineinander verschränkt? Während der Lektüre von Mario Vargas Llosas neuem Roman glaubt man es. Wie sonst könnten das "böse Mädchen" (so nennt er sie) und der "gute Junge" (so nennt sie ihn) ihr Leben lang immer wieder zusammenfinden, einander verlieren und wieder zusammenfinden?

Und das in einer im Grunde unerträglichen Liebesbeziehung, die durch Bindungsängste auf der einen und Verlustängste auf der anderen Seite von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist und deren einzige, wenn auch unheimlich leidenschaftliche Anziehungskraft in dieser Gegensätzlichkeit besteht.

Spannend wie ein Krimi

Von den 1950er-Jahren bis Ende der 80er, von Lima über Paris, London, Tokio bis Madrid, von Lily, der kleinen Chilenin, über Genossin Arlette, Madame Robert Arnoux, Mrs. Richardson, Kuriko, Madame Ricardo Somocurcio bis zum armen Mädchen Otilia: Sie ist die unruhige Konstante in seinem Leben. Für ihn könnte alles ganz einfach sein: ein ruhiges, glückliches Pariser Eheleben. Doch sie zieht es beharrlich fort zu den Abenteuern der Welt. Als leichtsinnig stolze Frau einflussreicher Männer bringt sie sich in immer gefährlichere Situationen. Manch einer schaut ihr trotzdem neidisch nach, wie sie "das wahre Leben" lebt.

Es ist die fesselnde Frage in "Das böse Mädchen": Wie weit kann Liebe gehen? Aus der sympathisch ungekünstelten Ich-Perspektive des geduldig wie duldsam verliebten "guten Jungen" erzählt Vargas Llosa seine fatale Liebesgeschichte spannend wie einen Krimi. Doch weil das vermeintliche Verbrechen - sie stiehlt ihm sein einfaches Leben - in mindestens einem Herzen freiwillig geschieht, kann es niemals entdeckt und schon gar nicht verurteilt werden. Je mehr sie ihn braucht - er rettet ihr mehrmals das Leben -, desto tragischer wird ihre Affäre, und der Leser ahnt, dass der Tag, an dem diese sich endlich eine Partnerschaft nennen darf, zugleich ihr letzter sein wird.

Der Roman nimmt seinen Ausgang im Peru von 1950: Hier lernen einander ein fünfzehnjähriger Junge aus gehobenen und ein fünfzehnjähriges Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen kennen. Er ahnt noch nichts von ihrer Lust, mit ihrer Existenz Theater zu spielen. Doch ihre Unlust, sich zu binden, hat er schon kennengelernt. Ist es ein Spiel, pure Koketterie oder am Ende gar ein Zwang, womit diese anziehende Erscheinung ihn immer wieder abweist? Vargas Llosas faszinierende Obsessionsgeschichte kippt langsam, der Pulsschlag des Erzählers erhöht sich Kapitel für Kapitel.

Und während das "böse Mädchen" und der "gute Junge" im privaten Ringen Geld gegen Liebe ausspielen und umgekehrt, spart der politische Autor Vargas Llosa auch die brodelnden Machtkämpfe um sie herum nicht aus. Die Zeitgeschichte läuft unermüdlich mit: etwa das Aufbegehren gegen eine neue Militärdiktatur in Peru, Hippies und Skinheads in Paris, die Krankheit namens Aids, die Gepflogenheiten der französischen Gesellschaft, das krasse Armutsgefälle in Lima.

So gelingt Mario Vargas Llosa ein weiterer Roman in seiner ganzen, großen eigentlichen Bedeutung: lebensumspannend intim in Bezug auf seine beiden meisterlich gezeichneten Protagonisten und nebenbei in dichten Parallelen zum Leben des preisgekrönten peruanischen Autors selbst weltumspannend geöffnet.

Mario Vargas Llosa: "Das böse Mädchen". Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/ Main, 395 Seiten; 24,80 Euro.

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