Gestopfte Socken

- Seit alters her gilt die Sieben als heilige Zahl von kosmischen Dimensionen. Sieben Himmelssphären. Sieben Weltwunder. Sieben Schöpfungstage. Sieben Siegel und so weiter. Und nun: die sieben Frauen des Don Juan. Für jeden Wochentag eine, an sieben verschiedenen Orten der Welt. Am ersten Tag im Kaukasus, am siebten in Port Royal, nicht weit von Paris, im verwildernden Garten eines Kochs und Herbergsvaters, der keine Gäste mehr hat und in dem unschwer Peter Handke, der Dichter, auszumachen ist. "Don Juan (erzählt von ihm selbst)" heißt das schmale Buch, das der Kärntner Schriftsteller mit französischem Wohnsitz jetzt vorgelegt hat.

<P>Eine wunderfeine, sprachlich in altmodischer Exzellenz verfasste, poetische Geschichte mit philosophischem Unterboden, großartigen Naturbeschreibungen und existenzieller Selbstreflexion.<BR><BR>Auf der Flucht vor seinen Verfolgern landet Don Juan - er hatte dem Treiben eines Liebespaares im Laubgestrüpp des wilden Waldes zugesehen - im nachbarlosen Anwesen. In dem Bewohner der verwunschenen Einsamkeit, jenem Wirt, hat Don Juan seinen willigen Zuhörer gefunden. Ihm erzählt er - in dritter Person - von sich, von der zurückliegenden Woche, in der er zusammen mit seinem Diener quer durch die Welt gereist war.<BR><BR>Er spricht von den Frauen, die er traf, von den Umständen, in denen er ihnen begegnete, von den Landschaften, die er sah. Und sehr schnell stellt sich heraus, dass es immer die gleichen Ingredienzien sind - ob er gerade von Tiflis oder Damaskus, von der Enklave Ceüta in Nordafrika oder den Fjorden Norwegens, von Hollands Dünen oder einem nicht einmal mehr genannten Land redet. </P><P>Dieser Don Juan widersetzt sich allen Don Juans bisheriger Überlieferung und Literatur. Und ist dennoch ihnen anverwandt. Aber er wird bei Handke zu einem neuen Mythos, einem Unsterblichen, der überall und immer existiert, außerhalb der Zeit oder, wie Handke es sagt, "zu keiner Zeit". Kein Täter, kein Verführer. Kein Jäger, kein Sammler. Doch ein Mann mit einer unerklärlichen Macht. Jene Frauen, um die es ihm geht, "erkennten im Augenblick des Erkennens" in ihm "ihren Herrn". Und woher bezieht Handkes Don Juan diese Macht? Aus der steten Trauer um sein totes Kind, aus dem Übereinstimmen von Augenblick und Ewigkeit, aus der Notwendigkeit andauernder Flucht.<BR><BR>Der Verdacht liegt nahe: Erzähler und Zuhörer sind die berühmten zwei Seelen, ach, in einer Brust. Und in beiden dürfte unschwer der Autor selbst zu erkennen sein. Ohne je in eine realistische Erzählweise zu geraten, ohne je den hohen Ton einer fast mittelalterlich anmutenden Poesie und Keuschheit zu verlassen, ist dieser kleine Roman von bezwingender Einfachheit, von leisem Humor und feiner Selbstironie, voller Fantasmen und Traumsequenzen. Und darüber hinaus von einem Konservatismus, zu dem es schon wieder progressiven Mutes bedarf.<BR><BR>Handke macht seinem Ruf als Unzeitgemäßer selbst in kleinsten Aperç¸us alle Ehre: "Socken, so fein gestopft wie sonst nur von einer Frau" - das ist die lobende Erwähnung des Dieners Don Juans und gleichsam die Offenbarung des unerfüllt bleibenden Frauensehnsuchtsbildes des Autors. Ebenso auch das seines Helden Don Juan, dessen Welt noch ordentlich getrennt erscheint in eine Zeit für Männer und eine - idealisierte - Frauenzeit, die er "als ein großes Innehalten" erlebt. Ruhe finden in der Unruhe. "Sein Unterwegssein", heißt es bei Handke, "war zugleich ein ständiges Ankommen, so wie er im Angekommensein sich weiterhin unterwegs dachte".<BR><BR>Immer auf der Schwelle, nie Stillstand, gegen den Strom - das zeichnet Handke auch bei diesem Buch aus. Lesenswert, nachdenkenswert und manchmal Anlass bietend für ein bisschen Spott. </P><P>Peter Handke: "Don Juan (erzählt von ihm selbst)". <BR>Suhrkamp Verlag, Frankfurt/ M.<BR>159 Seiten<BR>16, 80 Euro.<BR></P>

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