Gestrandete zwischen Eisenpfeilern

- Der Ansturm auf die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla rückt die Spätfolgen des Kolonialismus noch dringlicher ins Bewusstsein als in den letzten Jahren die Seelenverkäufer vor Lampedusa oder die Wasserleichen an der Costa del Sol. Zu Recht bringt also das Münchner Volkstheater Bernard-Marie Koltè`s' "Kampf des Negers und der Hunde" von 1980 heraus, auch wenn oder eigentlich: gerade weil der früh verstorbene Koltè`s (1948-89) Afrika im weitestreichenden, menschlich-sozialen Sinn als Metapher versteht.

Es ist ein für ihn typisches textschweres Stück, das in seiner dramatischen Unbewegtheit jedem Regisseur große Widerstände entgegensetzt. Der junge Regisseur Sebastian Hirn ging hier damit erstaunlich intelligent um. Alboury mit Handy und fremdzüngig aufs Publikum niedertrommelnd, beherrscht schon vor Beginn die Szene, hoch oben hockend auf dem schmalen Gehgitter eines Brücken-Rohbaus. Die mit ihm, der schwarzen Antigone, eingezogene mythische Ebene, hat Sebastian Hirn dann sehr gekonnt eingefangen. Auch dank Lichtdesigner Günther E. Weiß und vor allem dank Bernhard Hammer, der mit seiner die gesamte Bühnenbreite und -tiefe nutzenden Baustelle ideal zuarbeitete. Im gedrückten nachtschattigen Labyrinth schmaler Eisenpfeiler scheint der nicht fassbare Alboury als Mahnung für Recht und Wiedergutmachung immer präsent. Die Silhouette Falilou Secks, der den Alboury leidenschaftslos-nüchtern spielt, taucht auf in der nur verschwommenen Helle von spiegelnden Pfützen des ständig fallenden Regens und verschwindet wieder. Das ist atmosphärisch ganz nah am Text. Endlos argumentierende Dialoge trotz Straffung Und es ist schön, wie in diesem trostlosen Niemandsland, dem aufgegebenen Restposten der Kolonialherren, Elisabeth Müller (noch nie so gut gesehen, was für Regisseur Hirn spricht) ihre Léone aufleuchten lässt: ein junges Ding mit großer Afrika-Hoffnung. Unschuldig, naiv und doch instinkthaft klug. Müller bringt eine Farbe in diese Inszenierung, die - bei aller Anstrengung mit räumlicher, geradezu akrobatischer Bewegung über und durch Gerüstluken hindurch - in einer langatmigen Monotonie dahinlullt. Zwangsweise schon durch die trotz Hirns Textstraffung endlos argumentierenden Dialoge zwischen Horn und Cal und Horn und Alboury. Es wird da alles abgehandelt, vom Zahlungsstopp der (französischen) Regierung und Bau-Abbruch bis zur kaputten Hinterlassenschaft der Weißen, der politisch tatenlosen Jugend Afrikas und seinen korrupten Politikern. An diesen Textbrocken kam auch Patrice Ché´reaus gerühmte Inszenierung, die 1983 Kolté´s den internationalen Durchbruch bescherte, nicht vorbei. Von der glorifizierten Erinnerung kann man also getrost etwas abstreichen. Aber Ché´reau hatte Schauspieler, die französisches textlastiges Theater als Sprach-Partitur zelebrieren konnten. Michel Piccoli war damals Horn, auch beim München-Gastspiel. Was bei Sebastian Hirns Baustellen-Gespann zwischen Plastik-Terrassenmöbeln und leeren Flaschenbatterien sicherlich rüberkommt, ist die Ausweglosigkeit dieser Gestrandeten und vom Suff Ausgehöhlten. Aber das gesprochene Wort bleibt banal - gewinnt nie eine sinnliche Musikalität oder gar eine mythische Überhöhung. Alexander Dudas Horn kann noch eher überzeugen als der Cal von Nicholas Reinke. Reinke, der zu den vielversprechenden Jungschauspielern von Stückls Ensemble gehört, war in der Premiere (noch) überfordert. Die Stimme immer oben, angestrengt und auch im Spiel einförmig, ohne das Schillern eines ballernden, aber letztlich schwachen Endzeittypen. Man könnte sich vorstellen, dass dieser Koltè`s in den kommenden Vorstellungen noch reift. Positiv wäre es auch, wenn Komponistin Helga Pogatschar, die geheimnisvoll raunende Afrika-Klänge beigesteuert hat, einem nicht zuletzt doch noch das Trommelfell grausig attackierte.

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