Zur Gesundung der Menschheit

- "Meine Gestalten sind nicht schlecht, sie sind nur durch ihr elendes Leben verdorben." Am Anfang stand ein Skandal: Als 1877 Émile Zolas "Der Totschläger" erschien, sorgte die drastische Darstellung des Lebens der armen Leute für Aufsehen. Mit diesem Verkaufserfolg gelang Zola der große Durchbruch. Von nun an war der "Naturalismus" literarische Mode. Schon in den Jahren zuvor hatte Zola dessen Theorie entworfen: Kunst habe "wirklichkeitsgetreu" zu sein, Literatur müsse durch Enthüllung und Kritik zur "Gesundung der Menschheit" beitragen. Damit formulierte Zola im Anschluss an Balzac und Hugo eine Vorform jener Ästhetik, die man später "engagierte Literatur" nennen sollte und die zur dominierenden Kunsttendenz der folgenden Dekaden wurde.

<P></P><P>Am 2. April 1840 als Sohn eines Ingenieurs geboren, wuchs Zola in guten Verhältnissen auf. Seine Jugend verbrachte er in Aix-en-Provence. Schon früh war er mit Paul Cézanne befreundet, der ein lebenslanger Weggefährte wurde. Seit 1864 lebte Zola in Paris, versuchte sich an ersten literarischen Arbeiten. Seine Biografin Veronika Beci, die dieses hochinteressante Leben jetzt kompakt, bunt und lebendig dargestellt hat, beschreibt, wie Zola erst durch Beschäftigung mit Psychologie und Naturwissenschaften auf seinen eigenen Weg fand: "Die Familie Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie aus dem zweiten Kaiserreich" - so hieß der 20-bändige Zyklus, den er 1870 entwarf. </P><P>Zola schildert, gestützt auf darwinistische und deterministische Vererbungs- und Milieulehren, den Verfall einer Familie als Mikrokosmos der Gesellschaft unter Napoleon III. Jeder Roman ist auch für sich lesbar, zusammen ergeben sie ein dichtes Epochenpanorama. Künstlerische Bedeutung hat es durch Zolas meisterliche Fähigkeit, die mythischen Kräfte aufzudecken, die in der nur scheinbar profanen modernen Welt verborgen liegen: Maschinen, Gebäude, Institutionen gleichen Menschen verschlingenden Göttern. Berühmt ist "Nana" (1880), die Geschichte einer Prostituierten. Allein schon die Wahl dieses Stoffes war eine Provokation für alle braven Bürger - die doch zugleich das Buch heimlich verschlangen. Für Kontroversen sorgte auch die ungeschönte Beschreibung von Ausbeutung, Kinderarbeit und Not in dem Bergarbeiterdrama "Germinal" (1885). Seine Romane hatten politische Bedeutung, und Zola war eine etablierte Figur der Pariser Intellektuellensalons.</P><P>Der Moment, an dem Zola dies in politischen Einfluss ummünzen sollte, kam 1898: Der Prozess gegen den jüdischen Offizier Dreyfus wegen angeblicher Spionage. In seinem offenen Brief "J'accuse" klagte Zola mutig die Machenschaften der Armee und den grassierenden Antisemitismus an. Zunächst verurteilt und ins Exil geflohen, bestätigten sich seine Vorwürfe manipulierter Beweise und einer Verschwörung der Armee.</P><P>Die vollständige Rehabilitation Dreyfus' sollte Zola nicht mehr erleben, am 29. September 1902 starb er an einer Rauchvergiftung. 1908 wurde er im Panthéon, dem Göttertempel des künstlerischen Frankreich, beigesetzt - unumstritten als einer der Größten seiner Epoche, ein Verteidiger der Gerechtigkeit, ein Vorkämpfer für die Erniedrigten und Beleidigten. Dabei hatte er selbst die Idee ewigen Ruhms immer von sich gewiesen: "Mich kümmern nicht Jahrhunderte, sondern das Leben, der Kampf und die Intensität meiner Gegenwart."</P><P>Veronika Beci: "Émile Zola. Eine Biographie". Artemis & Winkler, Düsseldorf. 358 Seiten, 26 Euro.</P>

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