18 Dollar kostet eine Kurseinheit – und jeder kann mittanzen.

Der getanzte amerikanische Traum

München - Ein Besuch beim Alvin Ailey American Dance Theater in New York, das von morgen an im Deutschen Theater gastiert.

Vielleicht beschreibt diese Szene am besten, was für eine Art von Tanzensemble die nächsten eineinhalb Wochen im Deutschen Theater in München über die Bühne wirbelt: Probenbesuch in New York, im eindrucksvollen Haus des Alvin Ailey American Dance Theater. Die zarten Mädchen in engen Bodys und die kräftigen Burschen, unter deren Leggings sich die muskulösen Oberschenkel abzeichnen, versuchen sich an einer neuen Schrittfolge. Der etwas milchgesichtige junge Mann mit blond-gefärbter Mähne klagt, dass es zu schwierig sei. Sofortige Ermahnung der Trainerin: „Sag’ nicht, dass es schwierig ist, denn das hieße, dass es nicht geht. Sag’: Es ist herausfordernd.“ Geht nicht, gibt’s nicht. Du kannst alles schaffen. Das Ailey-Motto.

Was in diesem Haus gelebt wird, ist nicht weniger als der amerikanische Traum. Der lockt in unmittelbarer Nachbarschaft: Nur wenige Meter entfernt liegt der Broadway, Ziel von Tänzern aus aller Welt.

Das Alvin Ailey American Dance Theater probt in einem verglasten Hochhaus inmitten vieler verglaster Hochhäuser – doch hier sieht man keine Geschäftsleute hinter Schreibtischen sitzen, sondern Menschen aller Hautfarben, Männer und Frauen, die gemeinsam tanzen. Auf verschiedenen Niveaus. Denn hier gilt die Regel: Jeder kann mitmachen. Robert Battle, Artistic Director, hat es vor neun Jahren so verfügt: Seitdem kann jeder, der mag, einen Kurs belegen, je nach Talent in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. In den höchsten machen auch die Studenten der Alvin Ailey Tanzschule mit, die ebenfalls hier angesiedelt ist. „Wir möchten nicht abgehoben sein. Tanz kommt von den Menschen und soll dahin zurück“, sagt Robert Battle.

Als die Schule an ihren aktuellen Standort gezogen war, standen während der Proben immer Menschen vor dem Fenster und schauten zu. „Ich fand, dass sie mittanzen sollen, wenn sie wollen“, erzählt Battle. Für 18 Dollar pro Kurseinheit ist das nun möglich und wird von den New Yorkern genutzt: vom Banker, der in der Mittagspause für ein Hip-Hop-Workout herüberkommt, bis zur Mädelsgruppe, die sich zum Feierabend eine Runde Zumba gönnt.

Leiter Robert Battle orientiert sich bei seiner Arbeit immer am Gründer der Einrichtung, Alvin Ailey. Der ist so etwas wie eine Galionsfigur des afroamerikanischen Tanzes. 1931 in Zeiten der Rassentrennung in Texas geboren, begeisterte er sich schon in jungen Jahren für Tanz, begann schließlich eine Ausbildung bei Lester Horton, dem Gründer der ersten Dance Company in den Vereinigten Staaten, in der nicht nach Rasse unterschieden wurde.

Nach Hortons Tod übernahm Ailey die Leitung, bevor er 1953 sein eigenes Tanztheater gründete. Seine Vision: das Erbe des amerikanischen Modern Dance mit der reichen afroamerikanischen Kultur zu verbinden. Das klingt ziemlich theoretisch. Praktisch heißt es vor allem: mit Tanz die Herzen zu berühren. Wenn man einige der 31 Tänzer des aktuellen Ensembles fragt, was das Besondere an ihrem so gefeierten Tanztheater sei, überbieten sie sich gegenseitig in ihrer Begeisterung. Fast alle sind schwarz, sehr viele kommen aus ärmlichen Verhältnissen. Und für die meisten war der erste Besuch einer Aufführung des Alvin Ailey American Dance Theater ein Erweckungserlebnis. Robert Battle selbst erinnert sich: „Mit zwölf sah ich zum ersten Mal Aileys bekanntestes Stück ,Revelations‘. Ich wuchs als schwarzes Kind in einer der ärmsten Nachbarschaften des Landes auf. Und da standen plötzlich so begabte Menschen auf der Bühne, die aussahen wie ich. Das machte mich etwas mehr stolz auf das, was ich bin.“ Er kämpfte sich durch – und schaffte es schließlich an die Spitze der Company. „Ich hätte nie gedacht, dass ich vom Publikum zur Leitung wechseln würde. Doch genau das ist der Ailey-Spirit: Alles ist möglich.“

Eigentlich wollte er Balletttänzer werden, doch als er den alle Stile verbindenden Ailey-Style das erste Mal sah, warf er die Ballettschuhe in die Ecke: „Ab dem Moment wollte ich Modern Dancer werden. Ich sah da eine völlig neue Form, zu tanzen. Die Tänzer auf der Bühne waren kein Schwan, kein Prinz, nichts, was sie selbst nicht waren – sie waren Menschen.“

Die Künstler verbinden klassischen Tanz, Hip-Hop, Ballett. Keiner könne sagen: Ich bin Balletttänzer – und das ist alles. „Tanz bedeutet, mit seinem Körper zu sprechen. Und dieser Körper muss viele verschiedene Sprachen können“, erklärt Battle. „Am Ende geht es darum: Wer bist du? Präsentiere es! Wenn du an dich glaubst, kannst du alles sein.“

Katja Kraft

Vorstellungen

von 29. Juli bis 10. August im Deutschen Theater München, Schwanthalerstr. 13;

Telefon 089/ 55 23 44 44.

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