Getrommelt und gepfiffen

München - Dies ist die Woche des Cuvilliés-Theaters. Das Münchner Rokoko-Juwel wird pünktlich zum 850. Geburtstag der Stadt nach vierjähriger Renovierung wiedereröffnet: mit Festakt und Festaufführung der Neuinszenierung von Mozarts "Idomeneo" am kommenden Samstag.

Trotz Vorfreude gibt's Probleme: Das frisch sanierte

Cuvilliés-Theater ist zu teuer für freie Ensembles

Das Bayerische Fernsehen überträgt live. Und alle sind glücklich ­ über das Erreichte. Sowie über das große bürgerschaftliche Engagement für dieses Theater, die Spendierfreudigkeit jener Menschen, denen die kulturelle Vielfalt der bayerischen Metropole am Herzen liegt, der Erhalt historischer Kulturstätten, der Ort eigener Erinnerungen. Dass dieses Theater wieder eine technisch intakte Bühne bekommen hat, dass man hier wieder Mozart oder Molière sehen kann, dafür haben sie tief in ihre Taschen gegriffen ­ jene, die vor der Bühne sitzen.

Aber auch diejenigen, die auf der Bühne stehen ­ die Künstler. Sie haben für dieses schöne Haus getrommelt und gepfiffen, gesungen und gelesen, gepredigt und gespielt; Sänger, Musiker, Schauspieler, Kabarettisten, Dirigenten, Intendanten. Ein einzigartiger Benefiz-Einsatz. Denn dieses Theater muss als Theater lebendig sein, und das nicht allein an jenen hundert Tagen im Jahr, an denen das Bayerische Staatsschauspiel in diesem seinem zweiten, seit jeher angestammten Spielort seine Aufführungen zeigt.

Bei aller aktuellen Vorfreude auf die kurz bevorstehende Wiedereinweihung des Cuvilliés-Theaters: Wenn hier erst wieder Alltag eingezogen ist, fangen die Probleme an. Die Bayerische Staatsoper legt über die Eröffnungsproduktion "Idomeneo" hinaus ganz offensichtlich keinen gesteigerten Wert darauf, sich hier aufführungsmäßig zu engagieren. Fürs teure Haus nicht lukrativ genug, weil zu wenig Plätze. Hinzu kommt die Mietforderung des Finanzministers von 5000 Euro pro Abend für künstlerische Veranstaltungen, zuzüglich die Kosten fürs technische Equipment und Personal.

Eine Tatsache, die auch jedem privaten Veranstalter Schwierigkeiten bereitet. Für Konzerte dürfte das Haus zu teuer sein. Und für freie, qualifizierte Opernensembles erst recht. Doch gerade junge Künstler, die sich jenseits des hoch subventionierten Staatstheaterbetriebs mit dem Musiktheater auseinandersetzen, wie etwa die so erfrischende Kammeroper München, sollten die Möglichkeit haben, im Cuvilliés-Theater spielen zu können. Einer, der darum seit langem kämpft, ist der Münchner Barock-Spezialist Christoph Hammer.

Er hatte 2003 im Cuvilliés-Theater "Catone in Utica" dirigiert, jene Barockoper, mit der 250 Jahre zuvor Münchens Rokoko-Perle eröffnet wurde. Hammer ist überzeugt: Die Alte Musik gehört in dieses Haus. Und er ist enttäuscht, dass ihr staatlicherseits nicht der Platz eingeräumt wird, der ihr gebührt. Freilich eröffnet er mit seiner Neuen Hofkapelle München im Herbst wieder die Residenzwoche ­ und zwar diesmal im Cuvilliés-Theater. Aber ihm geht es nicht allein um Konzerte, die Oper des 18. Jahrhunderts soll es sein.

Hammer: "Wir haben mit dem Cuvilliés-Theater europaweit eines der bedeutendsten Opernhäuser. Mit ,Catone in Utica haben wir 2003 dafür geworben, dass man die Chance nutzen sollte, dieses Haus in seiner eigentlichen, ursprünglichen Idee, als Musiktheater des Rokoko, präsent zu halten. Unser Anspruch ist, dass für dieses Haus im Kunst-Ministerium ein Konzept erstellt wird, das über die Vorstellungen des Sprechtheaters hinausgeht: dass nämlich hier der Ort ist, an dem die barocken Bühnenwerke vorgestellt werden. Dafür kämpfen wir."

Es sei doch, so Christoph Hammer, "eine Schande, dass es woanders, wie zum Beispiel in Schwetzingen, höchst erfolgreiche internationale Festivals gibt, aber wir in Bayern unsere historischen Kleinode wie das Cuvilliés-Theater und das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth künstlerisch so gut wie gar nicht wahrnehmen".

Nicht zuletzt, findet Hammer, und das zu Recht, sei man den vielen privaten Spendern gegenüber in der Pflicht, die Restaurierung des Theaters und seiner Bühnentechnik zu rechtfertigen. Sein Vorschlag: unter anderem ein jährliches Barock-Festival. Die Voraussetzung dazu aber wäre der entsprechende kulturpolitische Wille. In Bayern, so Christoph Hammer, entstand im 18. Jahrhundert über die Oper eine eigene Identität. Die gelte es heute wieder zu stärken. "Das Grundproblem bei der ganzen Sache aber ist: Das Cuvilliés-Theater obliegt dem Finanzministerium. Dort gibt es keine künstlerische Gestaltungsmöglichkeit, nicht die künstlerische Kompetenz."

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