Das Gewaltige dieser Schöpfung erspüren

- Viele Sätze sind so herrlich, so voll von süffisantem Witz, analytischer Treffsicherheit und funkelnder Formulierungskunst, dass man sie am liebsten wie Geschmeide in schön ausgeleuchtete Vitrinen auf Samt drapieren würde. Können und intellektuelle Durchdringung fusionieren gerade im ersten Teil von Robert Musils unvollendetem 1600-Seiten-Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" grandios - wenn es um "Kakanien", also um Österreich-Ungarns Einmaligkeit geht. Das kühne Unternehmen der Hörspiel- und Medienkunstabteilung des Bayerischen Rundfunks, "Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Remix", verschafft einem dieses Vergnügen auf neue, besondere Weise. Was man schon als Leser genoss, wird in dem Projekt (20 CDs) durch die Stimmen bekannter und meist eindrucksvoll sprechender Schauspieler auf eine wunderbare Art lebendig.

<P>Manfred Zapatka und Ulrich Matthes, die sich gewissermaßen die Rollen Musils, des Erzählers und Ulrichs, des Mannes ohne Eigenschaften, teilen, brillieren durch perfekt gesetzte Sprech-Bescheidenheit. Zapatka nuanciert auf derart vielfältige Weise, dass man nur staunen kann. Keine Effekte, sondern Akzente. Den Wahn des Frauenmörders Moosbrugger erdet Josef Bierbichler in weichem, bäuerlichem Timbre. Klangvergnügen ist Sunnyi Melles. Sie "entlarvt" stimmlich Bonadea, Ulrichs zeitweilige Geliebte, die hochanständig ist, aber, ach, durch ihre Sinnlichkeit hurtig ins Bett plumpst. Eher zurückhaltend, mit feinem Duktus Angela Winkler als großbürgerliche Diotima und Ulli Maier als Agathe. Mit dieser vergessenen, schließlich wiedergefundenen Schwester steuert Ulrich nicht nur auf den Inzest zu, sondern Musil versucht auch damit, die Vision der perfekten Liebe auszuformen.<BR><BR>Sie ist einer der Gründe, warum Ing. Dr. phil. Robert Edler von Musil (1880-1942) sein Opus magnum nicht abschließen konnte. Je länger er daran arbeitete, je schlimmer die Umstände wurden (Nazis, Emigration, zögerlicher Verlag), umso mehr nahm sich der Dichter vor, umso gigantischer wurden seine Ansprüche - und die Schreibhemmungen. Rund 6500 Seiten aus dem über 10 000 Seiten umfassenden Nachlass gehören zum "MoE". Dass man das Gewaltige dieser Schöpfung wenigstens ansatzweise spüren kann, ist das Verdienst des BR-Konzeptes von Katarina Agathos und Herbert Kapfer (auch Skript) auf der Basis der Forschungsarbeiten des Robert-Musil-Instituts für Literaturforschnung an der Universität Klagenfurt, das an einer "Kommentierten digitalen Gesamtausgabe Robert Musil" arbeitet.<BR><BR>Welt-Erklärungs-Versuch<BR><BR>"Remix" ist also kein modischer Gag, sondern Programm. Deutlich werden sollen durch Entwürfe, Kommentare, Vorreden, wie das Montage-System, die Gedanken-Suche, die Qual der Zielsetzung funktionieren. Gerade diese Werkstatt-Elemente, zunächst an den Anfang von "Remix" positioniert und vor allem im zweiten Teil (CDs zwölf bis 20), trägt Manfred Zapatka auf überlegene Weise. Er verhindert jegliche Ermüdung. Auch die Klagenfurter Wissenschaftler und Herausgeber der geplanten Gesamtausgabe wie Karl Corino oder Walter Fanta kommen erklärend zu Wort. Damit geht das Vorhaben aus CDs und Buch weit über die alte Rowohlt-Ausgabe hinaus.<BR><BR>Klug ist gleichfalls die Regie von Klaus Buhlert, der keinen Hör-Zirkus veranstaltet, sondern Musil und den Schauspielern vertraut. Ein trockener Ton, Buhlerts Kapitelansage - dann der Text: 1930 erschien der erste, 1933 der zweite Band. Das sind die "kanonisierten" 1600 Seiten. Ulrich, wohlhabend, gut aussehend, Mathematiker, hat es aufgegeben "ein bedeutender Mensch" zu werden, verstrickt sich unversehens in die abstrusen patriotischen Unternehmungen der Wiener Gesellschaft. Diese g'schaftelt sich charmant ihrem Untergang im Ersten Weltkrieg entgegen. Robert Musil spannt ein soziopolitisches Panorama auf, das er immer mehr in ein philosophisch-religiöses überführt. Versuch einer Welt-Erklärung.</P><P>"Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Remix". BR/der hörverlag, München. 20 CDs, Textbuch, 680 Seiten; 149 Euro.<BR></P><P><BR> </P>

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