Geweint vor Glück

- Eure neue Platte war beinahe fertig, da hast Du, lieber Hartmut Engler, zum Keyboarder und Songschreiber Deiner Band "Pur", dem Ingo, gesagt: "Ich will noch so'n Lied, das so richtig, so ganz total schön ist." Das hast Du uns erzählt in der ausverkauften Olympiahalle, und dann hast Du die Ballade "Bis der Morgen kommt" gesungen. "Die Nähe ist uns am Verschmelzen", hast Du gesungen, und es war wirklich total schön.

25 Jahre gibt es "Pur" schon, und habt Ihr Euch verändert? Nein, und das ist gut so. Obwohl: Seit zwei Jahren habt Ihr ein Streichquintett dabei und einige Eurer Songs umarrangiert. "Ein Brückenschlag zur klassischen Musik", hast Du gesagt und das wörtlich gemeint. Eure Bühne war rund und stand dort, wo Ihr Euch am wohlsten fühlt ­ mitten im Gewühl, mitten im Gefühl. 20 Meter weiter stand ein eigenes Podest für die Streicher, und immer, wenn Ihr vom breitbeinigen Rücken-an-Rücken-Rocken genug hattet, senkte sich von oben tatsächlich eine Brücke zwischen die Bühnen.

Auf die bist du gestiegen und hast geschmunzelt wie der Schwäbisch-Hall-Fuchs. Dann hast Du die Menge dirigiert und noch eine Ballade gesungen: "Geweint vor Glück". "Zweifelsmarterpfeile, quer durch Herz und Hirn. Verbissen gegen angekämpft so gut es eben ging." Du hattest recht: "So schön hat das noch nie geklungen."

Ansonsten: Keine Experimente, keine Fisimatenten. Du weißt, worauf es ankommt: Harmonie. "Neid, Missgunst, Streit ­ das kostet Kraft, das braucht keiner." Du schaust lieber deiner Prinzessin in die "Funkelperlenaugen". Das ist schön, und so meilenweit entfernt von dem, was heute sonst Sitte zu sein scheint: dass alle noch so lieben Worte ironisiert werden, weil sie angeblich abgrundtief abgedroschene Klischees sind. Was ist schlecht am "Licht am Ende des Tunnels", wenn man‘s doch sieht?

Du sagst, was Du denkst. Etwa wenn Du über Kindesmissbrauch singst: "Nein ­ Verbrechen ist kein Spaß. Und Liebe ist kein Hass. Kinder sind tabu. Lasst die kleinen Menschen in Ruhe." Eurem verstorbenen ehemaligen Kollegen Rolf habt ihr mit "Rolf rockt" eine Hommage gewidmet, die Gänsehaut erzeugt: "All seine Pläne hat der Krebs durchkreuzt", doch "Rolf rockt den Himmel", bei "freiem Eintritt". Rolf hätte sich sicher darüber gefreut.

Als die Menge "Oh, wie ist das schön" skandierte, sagtest Du: "Heute bin ich echt ergriffen." Wir auch, Hartmut, wir auch.

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