Chaos auf der Stammstrecke: Deswegen verspäten sich die S-Bahnen mehr als 40 Minuten

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Gewitzter Pragmatiker auf der Matratze

- Man sagt ja, dass die Geniestreiche meistens in ganz jungen Jahren gelingen. Vom Umschlag-Foto sieht uns mit verhaltenem Spitzbubenblick ein Kurzhaar-Struwwel von vielleicht 19 entgegen. In Wirklichkeit war Adam Thirlwell immerhin 25 - bei Normal-Sterblichen auch noch das Grün-hinter-den-Ohren-Alter - als letztes Jahr sein erster Roman "Politics" erschien. Die Kritiken überschlugen sich. Und bei Übersetzungen gleich in 18 Sprachen kann man nun auch auf Deutsch unter dem Titel "Strategie" sich "eines der witzigsten, stilistisch elegantesten und absolut originellsten Debüts der letzten Jahre" zu Gemüte führen _ wenn der Times-Rezensent Recht hat.

<P>Hat er? Das mit dem "originell" stimmt schon mal. Auf jeden Fall. Denn Thirlwell untersucht Sex bis in die anatomisch tiefst gelegenen Öffnungen und Falten hinein. Aber nicht etwa unter einem literarischen oder zumindest einem Lust-Aspekt, sondern: Thirlwell recherchierte akribisch die Ängste, die ganz real banalsten Hindernisse und Pannen - zwickender Stringtanga und drängendes Gedärm sind da noch die gelindesten Abturner _, die dem Sex vorab und während störend in die Quere kommen. Besonders heftig bei jungen, in dieser Körperpraxis wenig geübten Menschen: Die bildschöne blonde Nana, deren Libido noch unter Dornröschen-Hecken döst, will gerade deshalb dem geliebten Moshe, es so recht wie möglich machen.</P><P>Nana ist, rein vom Verstand her, bereit zu extremen Spielchen - pinkene Plüsch-Handschellen und Deftigeres - bis schließlich hin zur "ménage à trois" mit Freundin Anjali, die eigentlich nur Mädchen mag. Die Irrungen und Wirrungen der Liebe also quasi mal von unten, aus der unromantischen Lattenrost-Perspektive her angeleuchtet. Und Adam Thirlwell so etwas wie der Sex-Kummerkasten-Dr. Sommer von "Bravo". Kann ja auch Literatur ergeben. Berater-Literatur auf jeden Fall. Und damit liegt der Jungautor ja gerade blendend im Trend.</P><P>Dass Thirlwell ein cleveres Bürschlein ist, muss betont werden: Denn sein Erzähler (be)schreibt nicht nur synchron auf zwei Ebenen, also das, was auf der Matratzen und das, was obstruierend gleichzeitig im Kopf abläuft. Er plaudert zudem ständig beschwichtigend, vertröstend und belehrend mit dem Leser, so auf Du-und-Du. Was als schwafeliges Zeilenfüllmaterial ziemlich auf den Keks gehen kann. Und obendrein kommentiert dieser Beobachter unentwegt kritisch, wohlwollend, belächelnd, mitfühlend auch noch die Akteure: "Mir tun Nana und Moshe leid. Gar nicht so einfach, ein befriedigendes Sexleben. Selbst . . . Greta Garbo fand Sex schwierig." </P><P>Pleiten, Pech und Pannen im Bett</P><P>Immer in diesem Spruchblasen-Stil der "echt cool"-Generation, der in seiner ausgestellten Teeniehaftigkeit und seinen ironischen Kontrast-Effekten nicht bar eines gewissen Witzes ist, leitet dieser Brit-Max-Moritz von seinem Pärchen/Trio über zu diversen Filmstars. Zieht Parallelen zu Nikolai Bucharin, Michail Bulgakow, Vá´clav Havel, Stalin und und. Kommt von der "Dreier"-Konstellation zu den Surrealisten. Wobei ihm beim Jet-Hopping durch Weltgeschichte, Literatur und Kunst auch Fehlerchen unterlaufen (nicht André´, sondern Léonide heißt Choreograph Massine).</P><P>Thirlwells unverblümtes Schweinigel-Vokabular, natürlich bewusst desillusionierend eingesetzt, wirkt nicht gerade literarisch. Aber, muss man zugeben, über Sex hat so pragmatisch-nüchtern noch niemand in einem Roman reflektiert. Und neu dabei ist, dass der Erzähler - der nicht mit dem Autor identisch sein muss - es aus einem gelassenen jüdischen Selbstverständnis heraus tut. Es wird kein Antisemitismus befürchtet und keiner herausgefordert. Der Erzähler berichtet ohne Schere im Kopf. Er ist so, wie er ist: So wie die anderen Figuren sind, wie sie sind. Hier wird mit der Disputier-Leidenschaft des Talmud die Sex-Problematik von allen möglichen Seiten "strategisch" ab- und durchgecheckt. Wird in enzyklopädischen Abschweifungen und alogischen Volten "geklärt". </P><P>Noch nicht geklärt ist, ob Thirlwell nach diesem Furore-Debüt einmal zu den großen Literaten zählen wird. </P>Adam Thirlwell: "Strategie". Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 320 Seiten, 18 Euro.Der Autor ist am 10. März zu Gast im Münchner Literaturhaus. Tel. 089/ 29 19 34 27.<BR>

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