Wie gewonnen, so zerronnen

- Die Welt ein Chaos wie an ihrem ersten Tag. Die Menschen im Kampf miteinander, ihre Utopien unter Dauerbeschuss, ihre Ideale verschüttet. Ja, sogar ihre Wahrnehmung gestört, ihre Wirklichkeit anzuzweifeln, ihre Informationsmedien zu Zwecken der Manipulation missbraucht. Wofür das alles, ist außerdem egal. Recht hat er, der Autor Roland Schimmelpfennig, der das einmal gesagt haben und auf der Bühne gespielt sehen wollte.

<P>Trotzdem hat er mit seinem Kriegsfantasien-Stück "Für eine bessere Welt", das seine deutsche Erstaufführung im Münchner Theater im Haus der Kunst erlebte, nur überspitzt, was ohnehin ahn- oder spürbar ist: Mit dieser wahlweise abstumpfenden oder im Reflexionswahn kollabierenden Welt steht es nicht zum Besten. </P><P>Herausgekommen ist bei dem Versuch, die dramatische Situation für die Bühne nutzbar zu machen, eine Nummernrevue in der Ästhetik pervertierender Computerspiele. Abknallen, um nicht abgemurkst zu werden; wer den Kampf nicht mitspielt, ist am verdächtigsten. Natürlich können die schwer bewaffneten Schauspieler, durch Machtgelüste erotisierten Kämpfer im Camouflage-Schick auch faszinieren, ihre Strategien und Missionen fesseln, ihre Machtspielchen unterhalten. Aber selbst das gelingt in diesem Stück nur streckenweise. <BR><BR>Zu beliebig hat Schimmelpfennig das Rohmaterial aus Science-Fiction und Werbung, Pornografie, Seifenoper und Psyche-Mythos verschmelzen lassen, als dass sich Pointen hervorheben, Mechanismen abzeichnen könnten. Deshalb glänzen in diesem Stück, das nur in Ansätzen Rollen formt, Dialoge und Regieanweisungen ineinander gleiten lässt, die seltenen Momente, in denen eine richtige Szene entsteht. So bei dem absurden Verhör einer Dame aus Saigon, die sich über den Schnitt ihres Suzie-Wong-Kleides auslässt, aber ihre Vergangenheit als Soldat der Einheit Delta Zero, die eines Tages spurlos verschwunden ist, nicht erinnert.<BR><BR>Dass hier eine Figur menschliche Konturen erhält, ihre Flucht in eine neue Identität begreifbar wird, liegt an Michael von Aus Virtuosität und Spielwitz. Komisch ist diese Person, aber nie lächerlich, unendlich bemitleidenswert. Und auch Lisa Wagner schafft es, ihre spröden, unpersönlichen Texte zu beseelen, eine nachvollziehbare Rolle zu formen: Ein Mädchen, das sein heimeliges Zuhause am Starnberger See verloren hat und jetzt ebenfalls kämpft: "Für eine bessere Welt" ist einzig bei ihr als Utopie spürbar. <BR><BR>Das andere Geschehen auf dem Bühnengebirge, begraben unter einer Plane mit der Aufschrift "For a better world", hat zumeist so wenig theaterhafte Relevanz, dass es in die pure Abbildung abgleitet. Wie gewonnen, so zerronnen, nicht nur fast jede der Mini-Szenen, sondern auch die hehren Ziele der Menschheit. Viel Aufwand für wenig Aussage. Und ein bewundernswerter Kraftakt von Regisseur Florian Boesch, der dem kolossalen Textkonstrukt einige wenige einprägsame Bilder abringt.<BR></P>

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