Der gezahlte Blutzoll

- "Die Liste der im Zusammenhang mit dem 20. Juli hingerichteten Männer liest sich wie ein Auszug aus HGs Adressbuch", schreibt Wibke Bruhns. HG - das ist ihr Vater: Hans Georg Klamroth, vierter in der Ahnenreihe erfolgreicher Kaufleute aus Halberstadt, im Zweiten Weltkrieg Offizier bei der Abwehr, dem militärischen Geheimdienst, gehenkt am 26. August 1944 in Berlin-Plötzensee.

<P>Klamroth war am Attentat auf Hitler allen vorhandenen Unterlagen nach nicht beteiligt, aber er wusste davon. Und denunzierte niemanden - nicht den eigenen Schwiegersohn, der den Sprengstoff besorgte, und nicht all die Befehlshaber, die sich im Adressbuch des umtriebigen Kaufmannes fanden. Darin lag seine "Schuld".<BR><BR>Dabei entspricht HG eigentlich dem klassischen Mitläufertyp: nicht restlos überzeugt, aber auch nicht abgestoßen vom Nationalsozialismus. In seinen Notizen und Briefen schlug sich erst spät nieder, was sich vielleicht mit dem Inferno von Stalingrad allmählich einstellte: ein Gesinnungswandel, worüber der geübte Abwehrmann schwieg. Außer wenn er dänischen Widerstandsgruppen einen Wink geben konnte.<BR><BR>Die Journalistin und erste ZDF-Nachrichtensprecherin Wibke Bruhns hat anhand einer Fülle von Dokumenten ihrer Familie deren Geschichte in ihrem Buch "Meines Vaters Land" nacherzählt, faszinierend und fesselnd wie ein Roman. Hauptfigur ist ihr Vater Hans Georg, genannt HG, den sie, bei seiner Hinrichtung sechs Jahre alt, nicht mehr kennt. <BR><BR>Den sie sich in diesem mühsamen Prozess von Fragen, Nachspüren, Verstehenwollen Stück für Stück als Vater zurückgewinnt: "Du hast den Blutzoll bezahlt, den ich nicht mehr entrichten muss. Ich habe von Dir gelernt, wovor ich mich zu hüten habe. Dafür ist ein Vater da, nicht wahr?" So macht sie am Ende ihren Frieden mit ihm.<BR><BR>"Ich kann hier nicht sitzen ohne Erbarmen und ,recht haben."<BR>Wibke Bruhns</P><P>Denn ihr Blickwinkel ist zumeist der der aufbegehrenden Tochter. Manchmal wird der umgangssprachlich gefärbte Stil sogar flapsig. Eine zunächst irritierende, aber elegante Möglichkeit, sich nicht aufzuspielen HG und seiner Zeit gegenüber, nicht pathetisch zu klingen. Die betont subjektive Sicht gewährt Bruhns nämlich viel Gestaltungsspielraum: Sie urteilt mit gesundem Menschenverstand, aber nach heutiger Messlatte. </P><P>Rudert immer wieder zurück, um die Ereignisse im Licht der damaligen Zeit zu betrachten und in die Vorgeschichte einzuordnen. So bleibt sie sich ihres heutigen Kenntnisstandes bewusst, wirkt weder anklagend noch entschuldigend.<BR>Da ist beispielsweise Großvater Kurt, der England nach seiner Londoner Lehrzeit liebte, aber sich der Sprachregelung im Ersten Weltkrieg anschloss: englische "Großschnauzen", auf deren Bank of England man Bomben werfen solle. </P><P>Der Kaufmann Kurt aber macht nach dem Krieg schnell seinen Frieden mit den britischen Geschäftspartnern. Bruhns legt den Finger auf diese Stimmungsumschwünge. Wie sie sich so streng, aufrichtig und liebevoll der Historie der eigenen Familie stellt, ist eine Meisterleistung. Allein schon handwerklich. Eine Menge Erzählstränge müssen geschickt umeinander gewunden werden: Welt- und Familiengeschichte, die vielen Stationen der Kaufmannssöhne, die große Liebe der Eltern und der Verfall ihrer Ehe durch HGs amouröse Abenteuer.<BR><BR>Dazwischen immer die reflektierende Stimme der Erzählerin, die sich auch eingesteht: "Ich weiß nicht, wie ich mich dazu verhalten soll. Krieg ist keine Schönwetter-Angelegenheit." Da ist HG bei der Abwehr in Russland und lässt feindliche Saboteure erschießen. Mutig riskiert Wibke Bruhns, dass sich der nachträgliche Glanz, der die "Männer vom 20. Juli" umgibt, etwas trübt. </P><P>Auch indem sie vergeblich nach Hinweisen sucht, wie sich ihre Familie zur Judenverfolgung stellte. Weil die Autorin tiefen Einblick gibt in die damalige geistige Verfassung vieler Deutscher und all die unbeantworteten Fragen der Nachgeborenen mit Lebenswegen konfrontiert, die weder besonders schlecht noch besonders gut waren, ist das nie denunzierend, sondern einfach aufschlussreich.<BR><BR>Ein eindringliches Stück deutscher Zeitgeschichte. Und nicht zuletzt ein sorgfältiges, großbürgerliches Sittenbild.</P><P>Wibke Bruhns: "Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie".<BR>Econ Verlag, München<BR>386 Seiten, 22 Euro. <BR><BR>Lesung am 1. April um 20 Uhr im Literaturhaus.<BR></P>

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