Sie will Urlaub, er will Fußball: Anna Riedl und Burchard Dabinnus spielen in dem Dramolett „Match“ ein Polizistenehepaar. Foto: Thomas Dashuber

Im Gezither flöten gehen

München - Premierenkritik: Musik und Sprach-Musik: Bernhards Mini-Dramen am Münchner Marstall

Von Alexander Altmann

Auf der Galerie taucht ein Springteuferl im knallroten Janker empor. Es ist die stimmgewaltige Sängerin Salome Kammer, die da Kunstjuchzer ausstößt, von denen man sich - „Hu-diola-ri“ - an Loriots Jodelschule erinnert fühlt. Unten, auf der Bühne des Marstalltheaters, geht’s indessen um Urlaubspläne: Meran oder Wolfratshausen, das ist hier die Frage. Maria ist gegen Meran, denn sie „mag die Italiener ned“.

Die naturgemäß düsteren Seelenabgründe des Spießertums beleuchtet Thomas Bernhards Dramolett „Match“, in dem eine Polizistengattin (Anna Riedl) ihren wortkargen Mann (Burchard Dabinnus), der im Fernsehen ein Fußballspiel verfolgt, mit absurden Ferien-Überlegungen nervt. Bis sie zum Wesentlichen kommt: In die demonstrierenden Studenten solle der Gatte nächstes Mal doch einfach „neischiaßn“. Kaum weniger harmlos sind die beiden Dörflerinnen (Gabi Geist, Anne Schäfer) in „Maiandacht“, die über Herrn Geißrathner tratschen, den edlen Menschen (oder war er doch ein „Spekulant“?), der immer für die Sahelzone gesammelt hat, ehe er von einem Türken überfahren wurde. Was die beiden Ratschkatln zu einem Resümee über Ausländer veranlasst, das wie ein unqualifizierter, aber seltsam vertrauter Beitrag zur aktuellen Integrationsdebatte klingt: „Kinder macha kennas, aber arbadn deans nix.“

Unter dem Titel „Alpen glühen“ brachte das Staatsschauspiel in Kooperation mit der Musikhochschule diese Mini-Dramen auf die Bühne. Zitherspieler Georg Glasl hatte die Idee, die Bernhard-Dramolette mit zeitgenössischer E-Musik „Für Zither, Stimme und Zuspielung“ zu kombinieren. Aber auch wenn es zwischendurch ein paar wiedererkennbare alpenländische Klänge („Über d’ Oima“) gibt, das Ergebnis ist eine szenisch unergiebige Text-Klang-Collage (Regie: Cornel Franz) voll dissonantem Gezirpe, Geraspel und Lautsprecher-Hall, die an Avantgarde-Hörspiele von anno dazumal erinnert. Und zugleich an Vox-Populi-Parodien bayerischer Kabarettisten von Polt bis Zimmerschied. Das Problem bei dieser Thomas-Bernhard-Veroperung in kargem Kammermusik-Ambiente voller Notenständer: Die spezifische Sprach-Musik, die den Wort-Katarakten des großen Weltbeschimpfers eigen ist, wird durch die furchtbar ambitionierten Kompositionen von Helga Pogatschar, Bernhard Lang und Jan Müller-Wieland übertönt. So verkommen die Bernhard-Texte zur eindimensionalen Gaudi, weil ihr wesentliches Formelement im Gezither flöten geht. Aber wie sagt schon Frau Trutzwall, die eine Ratschkatl in „Maiandacht“: „Ja mei“...

Nächste Vorstellung 28. November;

Telefon 089/ 21 85 19 40.

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