Es gibt genug Theater für uns alle

- Eine Streikversion von Verdis "La traviata"? Eine "modifizierte szenische Fassung", wie es die Bayerische Staatsoper ausdrückt? Piotr Beczala beeindruckt das wenig. Vor drei Jahren, bei einer Pariser "Zauberflöte", habe er Schlimmeres erlebt. "Wir hatten sechs Wochen probiert, dann kam der Streik, und zur Premiere gab's gar nix." Vor diesem Hintergrund gesehen, ist er bei seinem Münchner Debüt glimpflich weggekommen. Denn heute singt Beczala im Nationaltheater erstmals den Alfredo.

Endlich, wie zu ergänzen wäre. Schließlich hat sich Beczala im Fach des lyrischen Tenors ganz nach oben gearbeitet. Wie's schon bei Nicolai Gedda Brauch war, singt er viel Mozart, daneben auch Gounods Faust, Massenets Werther oder den Rodolfo in Puccinis "La bohème". Ein Fach also, in dem derzeit - Rolando Villazón, Marcelo Álvarez, Ramón Vargas - starke Konkurrenz herrscht. Doch das sieht Beczala realistisch. "Es gibt genug Theater für uns alle. Und es könnte ja sein, dass wir bald wieder eine Zeit wie in den 50ern und 60ern erleben, als 18 gute Tenöre auf dem Markt waren."

"Die östliche Singweise eben: Mund auf, und dann gib alles, was du kannst." Piotr Beczala

Der große PR-Zirkus ist an dem gebürtigen Polen bislang vorbeigezogen. Was angesichts seiner ausnehmend schönen, mit großem Stilbewusstsein geführten Stimme sträflich ist, ihm aber auch Raum zum Reifen gab. "Früher habe ich ständig über meinen Möglichkeiten gesungen", sagt er heute selbstkritisch. Noch in Polen war das, wo er sechs Jahre studierte. "Die östliche Singweise eben: Mund auf, und dann gib alles, was du kannst."

Mit vier Kollegen hatte er sich irgendwann in ein Auto gezwängt und war in den Westen, nach München, Wien und Linz zum Vorsingen getuckert. Linz engagierte ihn, im gleichen

Jahr heiratete Piotr Beczala und verlor angesichts der beruflichen Überbeanspruchung beinahe die Stimme. "Ich hatte keine Höhe, keine Beweglichkeit, da wurde mir die Sache zu heiß." Den Salzburger Gesangslehrer, der damals "bei meiner Stimme auf ,Reset’ drückte und jeden Ton neu aufbaute", den hat er heute noch. "Als ich Ende der zweiten Spielzeit mein erstes hohes ,C’ auf der Bühne schaffte, war ich glücklich. Es war sooo klein - aber immerhin." Seine neue, auch künstlerische Heimat fand Piotr Beczala im Gesangsmekka Zürich, wo er seit acht Jahren lebt. Ein Opernhaus, das ihm immer wieder neue Partien ermöglicht und das zur Basis seiner Karriere wurde.

Zum Überflieger ist er dabei nicht geworden. Wenn der sympathische Sänger über sich und seine Engagements spricht, dann ist das immer ein wenig abgeklärt, in hohem Maße reflektiert, manchmal auch mit trockenem Humor gewürzt. "Ich weiß um meinen Wert, denke aber andererseits nicht Gott weiß was von mir."

Dazu passt die akribische Vorbereitung. Denn einer, der sich abends mit Verve aufs Drahtseil begibt, ist Beczala nicht. Wenn sich der Vorhang hebt, scheint er sich über die Güte jedes folgenden Tons bewusst. "Das ist doch der wichtige Punkt, erst dann kann man sich an Grenzen wagen. Ich weiß vor einer Aufführung jetzt: Ich kann es. Weil ich früher zu viele Momente erlebt habe, in denen mir klar wurde: Ich kann es nicht."

Wie er's kann, das ist heute und am Donnerstag in der bereits ausverkauften "Traviata" zu erleben und im Juni im "Rosenkavalier", wo Beczala die kleine, haarsträubend schwierige Partie des "Sängers" schultert. Zuvor, am 6. April, ist er beim Verdi-Requiem mit Mariss Jansons und den BR-Symphonikern zu Gast. Und was er sich während seiner Münchner Probenzeit nun gönnt? Auch ein, zwei Opernbesuche? Da senkt Piotr Beczala die Stimme, grinst und macht eine wegwerfende Handbewegung: "Wär' schon schön, aber es gibt doch hier außer ,Traviata’ nur Wagner!"

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