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Gerd Albrecht: „Die Qualität des musikalischen Adels ist in Deutschland unglaublich hoch ... Aber was die Basis betrifft, da wird’s mir ganz anders.“

Interview

„Es gibt kein besseres Publikum“

Münchner Kinderkonzertreihe „Klassik zum Staunen“: Dirigent Gerd Albrecht über sein Engagement

Er ist einer der wenigen prominenten Dirigenten, die nicht nur mit dem Taktstock für die Musik kämpfen. Gerd Albrecht ist auch durch seine Gesprächskonzerte und Fernsehsendungen berühmt geworden, in denen er klassische Musik erklärt. Heute und morgen vertraut das Münchner Rundfunkorchester auf seine Erfahrungen: Im Prinzregententheater erläutert Albrecht im Rahmen der Kinderkonzertreihe „Klassik zum Staunen“ Edvard Griegs „Peer Gynt“.

-Warum gibt es nicht mehr Gesprächskonzerte? Weil Ihre Kollegen sich nicht trauen? Oder es nicht für notwendig halten?
Dafür ist eine genuin rhetorische Begabung notwendig. Ich habe das noch als Student bei Leonard Bernstein gesehen und war hingerissen. Als ich für das ZDF meine Sendereihe mit den Gesprächskonzerten begonnen hatte, sagte irgendeiner: „Der Albrecht ist eine Mischung aus Peter Frankenfeld und Herbert von Karajan.“ Karajan – genialer Dirigent. Aber reden konnte der überhaupt nicht.

-Warum sprechen Sie so gern zu Kindern?
Es gibt kein besseres Publikum, weil es unverbildet ist. Nehmen Sie „Hänsel und Gretel“. Im Opernhaus herrscht unvorstellbarer Lärm. Aber sobald die Hexe kommt, erstirbt alles. Und wenn sie gut ist, bleibt es ruhig. Kinder sind unbarmherzig. Wenn es langweilig wird, hauen sie einem das um die Ohren.

-Kinder werden laut, und Erwachsene dämmern eben weg.
Stimmt. Ich könnte auch noch mehr Programme für Erwachsene machen. Doch nur wenn mir Bill Gates morgen zehn Millionen Dollar gibt. Die Erwachsenen haben’s eigentlich nötiger. Aber ich fange eben unten an. Ich bin wohl einer der wenigen Dirigenten, der in einer Grundschule Musik unterrichtet hat. Meine jüngere Tochter ging in eine Charlottenburger Schule. Ihre Musiklehrerin hatte Kinderplatten von mir, lud mich ein – und musste sich, auch das ist Berlin, erst eine Genehmigung dafür holen. Die gaben mir die erste Stunde am Montag. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das die schlimmsten Minuten der Woche sind, in denen der familiäre Wochenendfrust aus den Kindern hervorbricht. Aber es ging gut. Die Leute verstehen oft nicht, dass die Zukunft unseres Musiklebens von der Jugendarbeit abhängt.

-Und wird alles immer schlimmer?
Nein, nein. Die Qualität des, wie ich es mal nennen möchte, musikalischen Adels ist in Deutschland noch immer unglaublich hoch. Ich habe neulich die Junge Deutsche Streicherphilharmonie in Frankfurt dirigiert – sensationell. Aber was die Basis betrifft, da wird’s mir ganz anders.

-Diese Anstrengungen sind gewiss notwendig. Aber wird damit nicht ein musikalisches System zementiert? Sollten sich nicht Konzert-Strukturen ändern, indem man etwa mehr aufs Publikum zugeht?
Selbstverständlich. Das Problem ist: Alle denken egoistisch. Theatermacher, Dirigenten und Musiker haben auch Besitzdenken. Und sobald das jemand infrage stellt, heißt es immer gleich: Jetzt wird der Kunst geschadet.

-Wie sollte dann ein Konzert im Jahre 2025 aussehen?
Ach, da gibt es doch viele Schattierungen. Man kann ein Wandelkonzert machen. Oder eines, in dem diskutiert wird. Oder eine Band für Free Jazz dazubitten. Oder auch einen Abend von anno dazumal machen. Das habe ich in Zürich probiert. Fünf Stunden. Ouvertüre, Männerchor, ein Klavierspieler. Pause. Dann eine Geigerin mit einer Sonate, das war damals die 14-jährige Anne-Sophie Mutter, dann wieder Chor, Pause. Und dann habe ich „Lelio“ und die Symphonie Fantastique von Berlioz dirigiert. Wir verlangten satte 200 Franken, trotzdem rannten uns die Leute die Bude ein.

-Also musste man schon immer mit Events locken.
Das weiß ich nicht, ich bin kein Soziologe. Die jungen Leute haben eine Scheu davor, sich für Abo-Konzerte zu binden. Vielleicht muss alles flexibler werden. Immer wenn ein neuer Chefdirigent bei einem Orchester anfängt, sagt der: Mir liegen zwei Dinge am Herzen – Jugendarbeit und zeitgenössische Musik. Man sollte die Kollegen mal nach zwei Jahren an ihren Vorsätzen messen.

-Vielleicht ist aber auch wie hier in München das Musikleben überhitzt. Alles tritt sich gegenseitig, zum Teil mit denselben Programmen, auf den Füßen herum.
Das ist in Hamburg genauso. Die Philharmoniker spielen Mahlers Neunte, am Tag danach bringt irgendein Ensemble aus Nowosibirsk bei einem Privatveranstalter das selbe Werk mit. Keiner redet mit dem anderen.

-Sind Sie also optimistisch oder pessimistisch, was die nächsten zehn, fünfzehn Jahre betrifft?
Wenn Sie meinen Schädel fragen: pessimistisch. Und wenn Sie mein Herz fragen: optimistisch. Sonst müsste ich mir ja gleich die Kugel geben.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Konzerte

heute, 19 Uhr, 20.12., 10 und 12 Uhr, Tel. 089/ 5900- 4545.

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