Da gibt es nichts zu meckern

- Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Wie jedes gute Stück: "Die Ziege oder Wer ist Sylvia?" von Edward Albee (76) ist beides. Der amerikanische Dramatiker hat sich wieder einmal einem Tier zugewandt. Nach der "Zoogeschichte" (1958) und seinem weltberühmten "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (1962) gerät er, rund 40 Jahre später, mit dem Ziegen-Stück erneut in die Charts. In den USA bereits hoch prämiert, tritt dieses subtil mit den Mitteln des Boulevards aufgefächerte Psychogramm einer modernen Familie seinen Siegeszug auch über die Bühnen hierzulande an. Jetzt hatte es in München Premiere, an Christian Stückls Volkstheater. Um es gleich zu sagen: in der Regie des Intendanten eine hochspannende, ausgefeilte, emotionsgeladene, berührende Inszenierung.

<P>Wer die "Virginia Woolf" kennt - und wer kennte nicht den Film mit Elizabeth Taylor und Richard Burton -, der findet natürlich bei der "Ziege" die Parallelen dazu. In beiden Fällen ist zwischen dem Paar das Spiel, ist die Fiktion, ist eine erdachte zweite Wirklichkeit die Verabredung, über die seine Ehe so lange und bis zum Stückbeginn so gut funktioniert hat. In dem Moment, in dem diese andere Existenzebene, dieser gezielte Wachtraum in die banale Alltagsrealität gezerrt wird, zerplatzt alles. So wie bei "Virginia Woolf" am Ende der nur in der Fantasie existierende Sohn in dem Moment für tot erklärt wird, als wider das Abkommen Außenstehende in dieses Zweiergeheimnis eingeweiht werden, so tötet Stevie schließlich die Ziege, nachdem Martin das gemeinsame Spiel auf die Spitze getrieben und geplaudert hat.</P><P>Er riskiert viel, als er seinen alten Freund Ross in das Geheimnis, die Liebe zu Sylvia, einweiht und dies auch noch mit einem Foto von der Ziege dokumentiert. Denn nun deckt Ross in seiner verständlichen Empörung alles auf. Er meint, mit einem Brief Ehefrau Stevie darüber informieren zu müssen und zieht dadurch auch den 18-jährigen, schwulen Sohn Billy mit in die Affäre, der schier daran zerbricht. Es bleibt Stevie gar nichts anderes übrig, als das Spiel nun radikal zu beenden.</P><P>Die Geliebte des Pan</P><P>Wenn's nicht gleichsam auch so absurd wie komisch wäre: Dies könnte eine große Tragödie sein. Was aber holt die Figuren in die Niederungen unserer Zeit und macht sie darum auch komisch? Nicht die zum Teil überaus derbe Sprache, auf die man gern verzichten würde; nicht die Tatsache, dass der legere Umgangston des Amerikanischen, ins Deutsche übertragen von Martin und Alissa Walser, immer umständlich und platt gerät. Komik erhält die Geschichte durch die Wucht, mit der hier der antike Mythos in dieses gutbürgerliche Idyll hereinbricht - und es zur Hölle macht.</P><P>Die Ziege ist schließlich nicht irgendein Haustier und eine namens Sylvia schon gar nicht, denn so hieß die anmutige Vierbeinerin, die einst Gott Pan zur Geliebten hatte. Aber die Ziege ist in der Mythologie immer auch das klassische Opfertier. Was es nun mehr als 2000 Jahre später auch wieder in Albees Stück ist. Doch die Diskrepanz zwischen Mythos und Mittelstand lässt uns über die Figuren lachen. Und auch rätseln. Denn möglicherweise ist ja alles ganz anders.</P><P>In diesem Zweifel liegt die Stärke des Stücks, die hohe Qualität der Aufführung am Münchner Volkstheater. Nichts ist hier eindeutig. Regisseur Stückl und seine Schauspieler deuten diese Geschichte auf so vielschichtige Weise, so intelligent und assoziationsreich, so komödiantisch und tragisch, so strindbergisch und boulevardesk, zeitgeistig und schicksalhaft zugleich, dass der Zuschauer nie ganz hinter das Geheimnis der Hauptfiguren kommt. Die beiden anderen sind klar: Ross, bei Alexander Duda ganz richtig ein eher schlichter, bisweilen zynischer Lebens-Funktionierer. Und Billy, der Sohn, ebenfalls: Er ist das Opfer seiner tollen Super-Eltern. Florian Stetter spielt diesen Jungen ganz ausgezeichnet. Zwischen Coolness und Verzweiflung, vor den Scherben des häuslichen Friedens, mit einem großen, sehr berührenden Monolog, was er nun bloß in der Schule sagen solle.</P><P>Das Geheimnis liegt bei den Eheleuten. Katalin Zsigmondy hält als glaubwürdig starke Stevie die Frage nach Wahn und Wirklichkeit sogar dann noch gekonnt in der Schwebe, wenn sie am Ende blutbesudelt mit dem toten Tier, das sie in die gute Stube schleift, die Realität herstellt.</P><P>Dennoch, die Inszenierung vermeidet Eindeutigkeit bis zum Schluss. Herausragendes leistet darin vor allem August Zirner. Er allein macht schon die Aufführung sehenswert. Als wäre alles ein Traum - so weit entfernt scheint sein Martin von sich zu sein. Wie Zirner in dieser Rolle des Ziegenliebhabers die Pointen setzt, wie er den knappen Text serviert, wie er zwischen Angst und Triumph, Offenbarung, Glücksgefühl und tiefer Traurigkeit changiert, wie er bei seinem Geständnis der Liebe geradezu außer sich gerät und in wahre Bockssprünge verfällt und wie er schließlich bewusst in die Katastrophe des Aufwachens aus seinem Traum steuert, das ist schon einzigartig gut. Christof Hetzer unterstreicht das alles mit einem stimmigen, symbolischen Bühnenbild: eine aus dem Himmel der Fiktionen herausgebrochene und auf den Boden der Tatsachen geknallte Wohnfläche.<BR>Nach zweistündigem Spiel ein begeistertes Premierenpublikum. Es weiß zwar immer noch nicht, wer nun Sylvia wirklich ist und ob es sie überhaupt gab; denn nach dem kurzen Blackout am Schluss ist das tote Tier auf geheimnisvolle Weise von der Spielfläche verschwunden - als habe es sich tatsächlich um die Ziege Pans gehandelt. An dieser Aufführung jedenfalls gibt es nichts zu meckern. </P>

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