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Carey Mulligan sieht „Suffragette“ nicht als Kostümfilm, sondern als Werk mit aktuellen Bezügen. 

Interview zum Film

Ein Kino-Star und die Rechte der Frauen

Carey Mulligan über "Suffragette", Meryl Streep und Emanzipation

München - Wegen ihrer großen Augen, ihrer Stupsnase, ihrer Ponyfrisur und ihrer Natürlichkeit vor der Kamera wurde Carey Mulligan als „neue Audrey Hepburn“ gefeiert. Seit sie für das Drama ums Erwachsenwerden „An Education“ ihre erste Oscar-Nominierung bekam, spielte sie Hauptrollen in so unterschiedlichen Filmen wie „Der große Gatsby“, „Shame“ oder „Am grünen Rand der Welt“. Ab Donnerstag ist die 30-jährige Engländerin neben Helena Bonham Carter als Protagonistin des Kinodramas „Suffragette“ zu sehen, in dem es um den Kampf der britischen Frauenrechtlerinnen vor 100 Jahren geht. Die Regie führte Sarah Gavron.

Frau Mulligan, wie viel wussten Sie vor diesem Film über die Arbeit der Suffragetten?

So  gut wie nichts! In unserem Geschichtsbuch standen nur eine Handvoll Zeilen über diese Bewegung, in denen es hieß, sie hätte erfolgreich für das Frauenwahlrecht gekämpft. Dazu gab es ein Foto von Frauen mit Blumen und Hüten, die offenbar fromme Protestgesänge anstimmten. Als ich von dem Filmprojekt  hörte,  dachte ich deshalb zunächst: „Ach nein, nicht schon wieder ein Kostümfilm!“ Umso schockierter war ich bei der Drehbuchlektüre über das Ausmaß der Gewalt gegenüber den Suffragetten: Dass diese Frauen misshandelt, fristlos entlassen, von Polizisten brutal verprügelt, ins Gefängnis geworfen und dort zwangsernährt  wurden, fand ich so unglaublich, dass ich sofort anfing, detailliert zu recherchieren.

Hat es Sie auch erschüttert, dass die Suffragetten selbst immer militanter wurden? Dass sie Schaufensterscheiben einwarfen, Landsitze anzündeten und Kunstwerke zerstörten?

Ja, aber man darf dabei nicht vergessen, dass all dem etwas vorausging: 50 Jahre lange, zermürbende friedliche Proteste, die völlig erfolglos geblieben waren. Diese Frauen hatten hehre Ziele – sie kämpften für elementare Menschenrechte. Ihre radikalen Taten waren verzweifelte Versuche, überhaupt gehört zu werden und eine Art von öffentlicher Aufmerksamkeit zu bekommen. Außerdem haben die Aktivistinnen immer nur  ihr eigenes Leben riskiert. Auch ihre Anführerin Emmeline Pankhurst hat stets betont,  dass bei den Aktionen niemals fremde Menschenleben gefährdet werden dürften.

Diese Anführerin, Emmeline Pankhurst, wird im Film von Meryl Streep gespielt. Stimmt es, dass Sie sie für die Rolle vorgeschlagen haben?

Im Prinzip hat Meryl diesen Job meiner Mutter zu verdanken. Ich hatte davon geträumt, diese Ikone der Frauenbewegung von einer Schauspiel-Ikone verkörpern zu lassen. Und bei einem Spaziergang sagte meine Mutter plötzlich: „Wie wäre es, wenn ihr Meryl Streep überreden könntet?“ Ich meinte: „Ach, Mama, schön wär’s, aber die kriegen wir doch nie!“ Andererseits dachte ich, wir hätten ja nichts zu verlieren, und so schlug ich das der Regisseurin vor. Ein paar Tage später war ich gerade im Bad, als ich eine SMS bekam: „Meryl ist an Bord!“ Vor lauter Verblüffung hätte ich mein Handy fast ins Klo fallen lassen.

Mrs. Streep hat im Film nur einen kurzen, aber ganz entscheidenden Auftritt.

Ja, und ich war froh, als ich merkte, dass sie vor ihrem Monolog richtig nervös war. Ich dachte: „Wow, Meryl hat auch noch Lampenfieber!“ Die Leute am Set haben auf sie reagiert, wie ich es noch nie erlebt habe: Hunderte von Statisten und Crewmitgliedern warteten gespannt auf ihre Rede auf dem Balkon. Und dann hat sie uns alle unglaublich inspiriert. Sie ist nicht nur eine tolle Darstellerin, sondern auch eine tolle Persönlichkeit, die sich zeitlebens für Frauenrechte eingesetzt hat.

Und Sie? Hätten Sie sich damals den Suffragetten angeschlossen?

Schwer zu sagen. Die Vorstellung, mit einem Messer in ein Museum zu gehen und ein Gemälde zu zerstören, macht mir schreckliche Angst – ich weiß nicht, ob ich das könnte. Ich hatte das Glück, dass ich mir  in  meiner  Familie oder in  unserer Gesellschaft nie etwas erkämpfen musste. Aber vielleicht regt mich der Film ja dazu an, nicht für mich, sondern für andere Frauen einen Stein zu werfen. „Suffragette“ ist schließlich kein verstaubter Historienschinken, der brav dokumentiert, was damals geschah, und bei dem man sich bequem zurücklehnt und denkt: „Ach, wie gut wir es heute doch haben!“ Es ist ein Film mit aktuellen Bezügen, der uns dazu animiert, den Kampf gegen Ungerechtigkeit fortzusetzen.

Woran denken Sie bei dieser Fragestellung in erster Linie?

Ich denke an die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen. An häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Oder daran, dass Frauen in Parlamenten und Chefetagen immer noch völlig unterrepräsentiert sind. Dabei geht es uns in der westlichen Hemisphäre noch vergleichsweise gut. Weltweit wird über 60 Millionen Mädchen das Recht auf Bildung verweigert. Jede dritte Frau wird ein Opfer von sexueller Gewalt. All das ist wirklich skandalös. Sie sehen also: Auch hundert Jahre nach den Suffragetten gibt es noch eine Menge zu tun!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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