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Das Verbrechen im Blick: Der neue Roman des Autors Friedrich Ani erscheint am Montag.

Neuerscheinung:

Aus Giesing winkt Tabor Süden herüber

München - Friedrich Anis Bücher sind längst Kult – nicht nur bei Krimi-Lesern. Jetzt legt der Münchner Autor mit „Totsein verjährt nicht“ seinen dritten Roman mit Hauptkommissar Polonius Fischer vor.

Der Mann ist fertig. Beruflich und privat ist er am Ende, und es ist ein kleines Wunder, dass Hauptkommissar Polonius Fischer dennoch die Kraft aufbringt, zum Dienst bei der Münchner Mordkommission zu erscheinen.

Fischer ist der aktuelle Held von Friedrich Ani. Der Münchner Autor ist mit seiner „Kommissar Süden“-Reihe Kult bei Krimi-Lesern geworden. Auch, weil er in all seinen Büchern ein Bild seiner Heimatstadt zeichnet, das es zwar in keine Touristenbroschüre schafft, aber gerade deshalb den Atem der Stadt einfängt. Ani meint es nun zu Beginn seines neuen Romans gar nicht gut mit der Hauptfigur. In „Totsein verjährt nicht“ überlebte die Lebensgefährtin des ehemaligen Mönchs Fischer einen Überfall auf ihr Taxi nur schwer verletzt und liegt im Koma.

Mit den Sorgen um seine Frau im Kopf wird der Polizist dann auch noch an den Fall der kleinen Scarlett erinnert, die vor Jahren spurlos verschwand: Bayerns Innenminister dauerte damals die Tätersuche zu lang. Er ließ den Chef der Sonderkommission – Polonius Fischer – austauschen. Dessen Nachfolger präsentierte zwar einen Täter: Der geistig Zurückgebliebene widerrief bald sein Geständnis, wurde aber dennoch verurteilt. Es ist weniger die persönliche Niederlage, die Fischer seitdem umtreibt, als sein Glaube, dass der Falsche büßen muss. Bestärkt wird dieser Gedanke durch einen Freund Scarletts, der das Mädchen gesehen haben will. Der Kommissar beginnt, auf eigene Faust nachzuforschen.

Das lässt sich zäh an – auch für die Leser. Ani zeigt zwar auch mit diesem Roman, dass er es versteht, Kriminalfälle zwischen Aktion und Reflexion anzusiedeln. Gerade zu Letzterer neigt Fischer, der einstige Ordensmann, hier besonders. Es herrscht oft schwere Melancholie – doch das kann nicht immer gewollt sein. Ja, Polonius Fischer ist eine nachdenkliche Figur. Das konnte man bereits in „Idylle der Hyänen“ und dem großartigen „Hinter blinden Fenstern“ erleben. Im neuen Buch wirkt es aber so, als traue Ani es seiner Geschichte um die vermisste (ermordete?) Scarlett nicht zu, ausreichend Spannung zu liefern. Doch die – wie zur Verstärkung – eingeführten Ermittlungen in Sachen Taxi-Überfälle hängen wie Fremdkörper zwischen den Nachforschungen im Fall des verschwundenen Mädchens.

Trotz dieser Schwäche: Ani ist ein Könner, wenn es darum geht, Figuren in wenigen Sätzen zu skizzieren. Da heißt es etwa über eine Befragte: „In ihr erkannte Fischer eines jener Zimmerwesen wieder, denen er schon so oft begegnet war. Menschen, die von einem frühen Zeitpunkt an ihr Leben in der Nähe einer Tür verbrachten, mit drängendem Blick und klammem Herzen, beseelt von einer Erwartung, die sie nicht beschreiben konnten und die sie doch in ihrem Innern feierten wie einen täglichen Geburtstag. Vor lauter innerlichem Feiern vergaßen sie, die Kerzen auszublasen und den Kuchen zu essen. So vertrockneten und zerbröselten ihre Wünsche und Gedanken, und wenn sie es bemerkten, waren sie alt geworden.“ Ani-Leser, die in in diesem Buch sicher nicht alle Erwartungen erfüllt sehen, werden sich freuen, dass der Autor unlängst angekündigt hat, einen neuen Roman mit Kommissar Süden, dem Vorgänger von Polonius Fischer , zu schreiben.

Tabor Süden arbeitet bei der Vermisstenstelle – Anis Sehnsucht nach dieser Figur ist in „Totsein verjährt nicht“ deutlich zu spüren: Nicht zuletzt, weil sich auch Polonius Fischer von der Mordkommission auf die Suche begibt.

Friedrich Ani: „Totsein verjährt nicht“. Zsolnay Verlag, Wien, 288 Seiten; 19,90 Euro.

Von Michael Schleicher

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