Im Giftschrank

- Verbotenes entfaltet seinen eigenen Reiz. Je größer die Anstrengung, etwas wegzusperren, desto mehr lockt das Geheimnis. Was einmal hinter Schloss und Riegel war, das trägt eine eigene, irrwegige Geschichte in sich _ oftmals eine historisch nachvollziehbare und zugleich eine anziehende. In der Bayerischen Staatsbibliothek München hat sich aus der Ansammlung einstmals verbotener Schriften eine gemeinsame Geschichte entwickelt, eine Kulturgeschichte.

<P> Was existieren für Normen, Tabuisierungen? Wer prägt sie, und wie verändern sie sich? Gibt es einen inhaltlichen Kanon, Grauzonen und einschlägige Werke? Der Historiker Stephan Kellner ist diesen Fragen nachgegangen, hat die sechs Remota-Fächer der Staatsbibliothek untersucht und die Ausstellung "Der Giftschrank _ ,Remota: Die weggesperrten Bücher der Bayerische Staatsbibliothek" ausgearbeitet. </P><P>Der lateinische Begriff "Remota" bedeutet so viel wie Weggeschafftes, weit Entferntes, Unbekanntes. Die Drucke der Stabi, die unter Remota verzeichnet sind, wurden zu verschiedenen Zeiten aus den Regalen genommen: wegen ihres pornografischen Inhalts, der politischen Richtung, volksverhetzenden Wirkung oder ihrer Bestimmung zum dienstlichen Gebrauch. <BR>In der Mitte des Ausstellungsraumes ist ein rotes Zimmerchen aufgebaut, ein ironisches Zitat eines Liebes-Kabinetts des 18. Jahrhunderts.</P><P>Darin werden ausgewählte Bücher der "Erotischen Bibliothek" des bayerischen Finanzbeamten Franz von Krenner (1762-1819) präsentiert. In Krenners Sammlung finden Schriften des Augustinus oder medizinische Abhandlungen wie der "Italiänische Huren-Spiegel" des Renaissancedichters Piettro Aretino Platz. Rund 150 Jahre war der Bestand unter Verschluss, bis ihn die Staatsbibliothek 1966/67 im Katalog verzeichnet hat.</P><P>Um diese alte Sammlung von schlüpfrigen bis theologischen Bändern gruppieren sich die vier anderen Bereiche. Jeweils durch Maschendrahtzaun voneinander getrennt, beginnt der Rundgang mit "Remota I und II": erotische Literatur von 1920 bis '70 wie das Homosexuellenmagazin "Body Beautiful" von 1961 mit knapp bekleideten, muskulösen Männern, Neuausgaben von Klassikern wie die Romane des Marquis de Sade und sexualwissenschaftliche Werke wie etwa Volkmar Siguschs "Exzitation und Orgasmus bei der Frau" von 1970.</P><P>An diese Bücher schließt sich Literatur an, die im "Dritten Reich" verboten und bis 1945 aus dem allgemeinen Bestand separiert wurde; zum Beispiel Irmgard Keuns "Das kunstseidene Mädchen" oder Alex Weddings Kinderbuch "Ede und Unku". Während des nationalsozialistischen Regimes sammelten die Bibliothekare der Staatsbibliothek _ auf Befehl und auch aus eigenem Antrieb _ zusätzlich anti-nationalsozialistische Schriften, die unter "Remota III" subsumiert sind. Die meisten sind im Ausland erschienen wie Hans Beimlers "Im Mörderlager Dachau", der in der UdSSR gedruckt wurde, oder die letzten Predigten von Martin Niemöller, veröffentlicht in der Schweiz. "Remota V" bildet den Abschluss: "Nur für den Dienstgebrauch".</P><P>Zu sehen sind Schriften wie die nur für die Presse bestimmten Vernehmungsprotokolle Adolf Eichmanns. Oder eine Zitaten-Sammlung Franz Josef Strauß', 1972 veröffentlicht von Volker Heinz mit der Absicht, Fehler, Widersprüche und undemokratisches Verhalten zu belegen. </P><P>"Der Giftschrank" ist ein bemerkenswertes kulturhistorisches Dokument, das die Brisanz schildert, die Literatur politisch und gesellschaftlich zugemessen wird. Und die sich auch in dem aus heutiger Sicht zum Teil nur noch putzigen pornografischen Material äußert. Literatur zeigt sich als eine alle sozialen Bereiche abdeckende Konstante. Und gerade das Marginale, das Ausgeschlossene weiß den Blick auf den Zeitgeist zu lenken. </P><P>Bis 17. Dezember, Eintritt frei; Tel. 089/ 286 38-0; Katalog 14,80 Euro.<BR></P>

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