Gipfel der Schwierigkeit

München - Das Deutsche Theater in München bietet ab Dezember eine besondere "Schwanensee"-Version: Es tanzt eine Akrobaten-Truppe aus China.

Mein Gott, nicht schon wieder "Schwanensee"! Doch, aber diesmal ganz anders. Dieses Tschaikowsky-Ballett ist nicht nur seit der historisch maßgeblichen Choreographie von Petipa/ Iwanow von 1895 ein Klassiker, der schon unzählige Male neu inszeniert wurde. Es ist offensichtlich auch unendlich wandelbar. In Mats Eks moderner Version von 1987 tanzen statt weißer Schwäne glatzköpfige Männer in Schwimmflossen. Aus St. Petersburg hatten wir im Münchner Deutschen Theater schon einen "Schwanensee" auf Schlittschuhen. Zu Weihnachten nun bringt das Entertainment-Haus im Fröttmaninger Übergangsdomizil "Swan Lake" als Ballett von der Guangdong Acrobatic Troupe of China.

Tanz auf Spitze ist ja in sich schon der Gipfel der Schwierigkeit. Aber wenn die Tänzerinnen dabei auch noch mit Bällen und Hüten jonglieren, wird im Grunde eine Virtuosität mit noch einer anderen getoppt. Hymnen, logischerweise, wo immer diese Künstler auftreten: bei "Wetten, dass...?", auf ihrer Tournee durch Deutschland (im März waren sie hier in der Olympiahalle), Österreich und die Schweiz. Und Londons Covent Garden Theatre, wo sie zuletzt gastierten, war an den sieben Vorstellungstagen bis unters Dach ausverkauft.

Man kann's verstehen, wenn man jetzt nur die Kostprobe fürs Fotoshooting gesehen hat. Wo traditionell die "Vier kleinen Schwäne" fußflink tanzen, sind hier vier junge Kraftpakete in grasgrünem Froschkostüm auf Händen unterwegs. Und dann der Superhyper-Artistenakt der Schwanenkönigin mit ihrem Prinzen: Die feingliedrige Wu Zhengdan, eben noch mit beiden Füßen auf den Schultern von Wei Baohua, löst das Spielbein in die Luft und steht - man hält den Atem an - in Arabeske-Position auf Spitze (!) auf dem Winzplatz, den eben eine Männerschulter zu bieten hat. Und hält und hält die Balance, länger als die Top-Ballerinen des Moskauer Bolschoi-Balletts auf sicherem Boden. Wie hält Wei den Druck der steinharten Schuhspitze aus? "Natürlich hat das am Anfang geschmerzt. Wir haben ja erst einmal über einen Monat geprobt, um überhaupt den genauen Punkt auf der Schulter zu finden, wo es klappt", gibt Wei zu.

Auch auf seinem Kopf lässt er die Partnerin auf Spitze stehen. Mit dieser Nummer haben sie zahlreiche Preise abgeräumt, unter anderem den "Goldenen Clown" beim Internationalen Circus Festival von Monte Carlo. Und just diese Nummer brachte den Leiter der Truppe Ning Genfu auf die Idee, einen ganzen Abend, eben diese "Swan Lake"-Show, auf die beiden zuzuschneidern. Wie Alfons Winhart von China Entertainment, einer Agentur, die mit Konzerten aus China und jetzt mit "Swan Lake" seit der Premiere 2005 weltweit tourt, erklärt, mussten dafür "Akrobaten als Tänzer geschult werden und umgekehrt". Für die beiden Solisten war diese nun verlangte künstlerische Kombination nicht so schwer. "Ich war schon mit sechs Jahren in der rhythmischen Sportgymnastik, da hatten wir auch Ballett", sagt Wu. Was ihre ballerinenhafte, anmutige Allüre bestätigt. Außerdem sind Wu und Ehemann Wei, ebenfalls in der Sportgymnastik groß geworden, schon seit Teenie-Zeiten beruflich und privat Partner, was sicher Basis und Ansporn ist für ihre außergewöhnliche Arbeit.

Dass dieser "Swan Lake" ähnlich prachtvoll ausgestattet ist wie ein "Schwanensee" zu zaristischen Zeiten, darf verraten werden. Bei 100 Mitwirkenden in 500 "traumhaften Kostümen" ist der Kostümwechsel ein geradezu logistisches Meisterwerk. Am Samstag sind die Ballett-Akrobaten übrigens zu Gast bei "Verstehen Sie Spaß?" (ARD, 20.15 Uhr).

Vorstellungen:

23. 12. bis 4. 1. 09; Karten Tel. 089/ 55 23 44 44 oder www.deutsches-theater.de; der Vorverkauf läuft.

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