Gipfel-Glück

- Großartige Eindrücke bescherte das Münchner Kunstjahr 2005, aber auch bunt schillernde, faszinierende Phänomene - die dann doch bloß kurzlebige Seifenblasen waren. Bayerns Landeshauptstadt bot insgesamt ein üppiges Ausstellungspanorama, das mit vielen "Gipfeln" verwöhnte. Unser Kunst-ABC erinnert an die Höhen - und Tiefen.

Arena: Sie machte ab Mai endlich alle Stadion-geplagten bayerischen Fußballfans glücklich. Aber das bauchige Giganto-Ufo, das die Architekten Herzog und de Meuron in Fröttmaning landen ließen und damit die Münchner Pampa aufwerteten, stimmte auch die Baukunst-Freunde froh.

Der Akademie-Anbau für unsere Kunststudenten, ein groteskes "Schloss" des Wiener Teams Coop Himmelb(l)au, verschaffte ab Oktober dem Nachwuchs mehr Platz.

Bayerisches Nationalmuseum: Diese riesige Schmuckschatulle, gespickt voll mit Kunst und Kunsthandwerk seit dem frühen Mittelalter, feierte Ende Juni ihren 150. Geburtstag. Eine Sonderschau zeigt noch bis 5.2.2006 exquisite "Schmankerl" aus allen Sammlungsgebieten bis hin zur heimischen religiösen Volkskunst.

China lockt nicht nur die Industrie mit immensen Möglichkeiten und Märkten, auch die Architekten können sich da scheinbar unbegrenzt austoben. Was von Gerkan, Marg und Partner dort an neuen Welten planen, stellte ab Ende Juli das Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne vor. Und das Buchheim-Museum in Bernried schillerte in der bunten Jahrmarktsramsch-Welt Chinas.

Carl Larsson war bei uns vergessen, obwohl man den Künder einer heilen Familienwelt hier einst liebte. Bis 5.2.2006 erzählt die Hypo-Kunsthalle sein "Schwedisches Märchen".

Dschingis Khan und seine Erben - Das Weltreich der Mongolen" bietet einen wahren Kulturschock. Im Münchner Völkerkundemuseum staunt man über Kulturen von China bis Persien, von Russland bis in die Türkei - war mal alles mongolisch (bis 29. Januar 2006).

"Duftgeschichten" als Ausstellung? Eigentlich eine Unmöglichkeit für dieses optische Medium. Das Alpine Museum auf der Praterinsel wagte sich im Frühling mit Erfolg daran, uns das Gebirge olfaktorisch nahe zu bringen.

Die Neuen kommen! Weibliche Avantgarde in der Architektur der 20er-Jahre": Erstaunen und "Erschrecken" über Baumeisterinnen dokumentierte amüsant (ab Ende April) das Architekturmuseum in der PDM.

"Exil am Mittelmeer" nannte sich eine Ausstellung in der Monacensia, die die Verzweiflung der fliehenden Dichter von Walter Hasenclever bis Heinrich Mann beschrieb (ab Mai).

Fünfzigerjahre waren das Thema der so umfassenden wie spannenden Schau in der Pinakothek der Moderne über die "Architektur der Wunderkinder" in Bayern, ein Wechselspiel von Aufbruch in die Zukunft und Verdrängung der Vergangenheit (ab Februar).

Französische Künstler des 17. und 18. Jahrhunderts sammelten die Deutschen gern. Eine eher erschlagende Fülle bietet das Haus der Kunst, höchst uninspiriert präsentiert (bis 8.1.06).

Gerhard Richter: Dem wichtigsten zeitgenössischen Künstler konnte das Lenbachhaus im Kunstbau, das selbst viele Werke des Künstlers besitzt, eine grandiose Retrospektive widmen (ab Juni).

Stolzgeschwellt sind die Münchner, denn sie besitzen den ältesten Museumsbau der Welt. Ludwigs I. Glyptothek mit ihrer herrlichen Sammlung von griechischen und römischen Skulpturen feierte 175. Geburtstag (Herbst).

Hirschhorn, Thomas: Der Schweizer Künstler ist gar nicht ordentlich und pappt mit Massen an Klebeband richtige Architekturlandschaften zusammen. In der Pinakothek der Moderne staunte man über arabische "Zelt"-Städte in Ketten und merkwürdige Eisenbahn-Attrappen des Documenta-Teilnehmers (ab März).

"Italienbilder der Goethezeit" schilderten in der Neuen Pinakothek nicht nur Idylle am Mittelmeer, die Exposition konnte auch den nüchternen Blick der Maler darstellen, die von der Landschaft lernten (ab April).

Jörg Immendorff ist zwar mehr wegen Koks und Krankheit in den Medien, wichtiger ist aber sein Können. Sehr erfreulich, dass die Bayerische Versicherungskammer sein grafisches Schaffen den Münchner vorstellt (bis 12.2.06).

Junge Kunst aus München durfte sich ab Februar im hehren Haus tummeln, im Kunstbau, der sonst nur Spitzenkräften vorbehalten ist. Die Städtische Galerie zeigte Mut und guten Willen, der bei manchem Versuch der Jungen schon nötig war (wie übrigens auch bei Andreas Hofer im Lenbachhaus).

Jung auch die Künstler aus Japan, die verdienstvollerweise die Lothringer dreizehn zu uns holte: ein informativer Streifzug, der von der Weltsprache Kunst erzählte.

"Künstlerbrüder", Projekt des Hauses der Kunst, ist der klassische Fall einer exzellenten Idee, die in der Ausführung gescheitert ist (bis 22.1.06).

Der Kunstverein München ist zum Glück aus seiner Agonie erwacht. Mit dem neuen Team Stefan Kalmár und Daniel Pies (ab Januar) gab es endlich wieder Ausstellungen in dem Räumen am Hofgarten.

Lee Friedlander ist ein faszinierender Fotograf. Die Exposition im Haus der Kunst gibt einen vollständigen Überblick über das uvre - ein ganz spezielles USA-Bildnis (bis 12.2.). Überhaupt hat die Ausstellungshalle bei ihren Fotografie-Konzepten fast immer das glücklichere Händchen, dank Kurator Thomas Weski.

Marc, Franz: Die Schau (bis 8.1.) war der absolute Kunst-Höhepunkt des Jahres 2005. Ein internationales Ereignis, denn eine solche Fülle an Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen des bayerischen Malers wird man über Jahrzehnte hinaus nicht mehr zu sehen bekommen. Das Lenbachhaus leistete mit diesem Mammut-Projekt Enormes, zumal es finanziell und personell von der Stadt nicht gut ausgestattet wird.

Der US-Amerikaner Paul McCarthy hingegen setzte dem Haus der Kunst ein gigantisches Windei in die Hallen (ähnlich D'Orazios Pamela-Anderson-Fotos: Da waren's aber eher Silikon-Knödel). Eine überdimensionierte Installation zwischen Westernstadt und Piratenschiff, aber so sinnlos wie langweilig. Nur die Riesenblumen auf dem Gebäude waren ganz lustig (ab Juni).

NS-Dokumentationszentrum: Endlich wurde der Durchbruch bei der Standortfrage erzielt. Der Freistaat Bayern stellte das Grundstück des so genannten Braunen Hauses an der Brienner Straße zwischen Königs- und Karolinen-Platz zur Verfügung (Herbst).

Eine Star-Ausstellung konnte die Hypo-Kunsthalle an Land ziehen. Helmut Newtons Aktaufnahmen waren zusammen mit Landschaftsbildern zu begutachten (Sommer).

"Occupying Space" war der zwar nichts sagende Titel einer dennoch beachtlichen Leistungsschau der Generali Sammlung, die aus Wien ins Haus der Kunst kam. Gut die Kombination von globaler zeitgenössischer Kunst mit österreichischen "Klassikern" der Nachkriegszeit, die in Vergessenheit zu geraten drohen, aber enorm wichtig sind (ab März).

Frei Otto - München verdankt dem Architekten zum Beispiel das Olympia-Zeltdach - ist ein ganz toller Innovator dieser Bau-Ideen. Das bewies die Hommage des Architekturmuseums an ihn (PDM, ab Mai).

Mit der Ozeanien-Abteilung schuf das Völkerkundemuseum ein wunderschönes "Fenster" in eine ferne, exotische Welt, die mit stupender ästhetischer Feinheit beeindruckt (dauerhaft).

Pier Paolo Pasolini ist zu seinem 30. Todestag eine Spuren suchende Schau der Graphischen Sammlung und des Kunstmuseums der Pinakothek der Moderne gewidmet, die gezeichnete, gemalte und filmische Bilder klug verbindet und ihnen doch ihre Eigenständigkeit lässt (bis 5.2.06).

Qualität in der Sammlung Goetz: Höchst selten schafft es eine private Kunsthalle, stets ein hundertprozentig hohes Niveau durchzuhalten. Ingvild Goetz hat auch heuer wieder gezeigt, dass sie zur Spitze gehört. Ihre ästhetische Intelligenz bewies sie mit einer Malerei-Ausstellungsserie. Und die japste nicht der Meute hinterher, die modischen und gut verkäuflichen Kitsch-Ködern nachjagt.

Regina Relang: Mit einer Präsentation ihrer Modeaufnahmen, die die Zeit seit 1945 per Kleidung charakterisierten, eröffnete im Mai 2005 das renovierte und neu gestaltete Fotomuseum im Stadtmuseum wieder.

Hilla von Rebay vereinte das Schlossmuseum Murnau und die Münchner Villa Stuck zu einer konzertierten Aktion (bis 15.1). Die beiden Häuser erinnerten nicht nur an eine vergessene und unterschätzte Künstlerin, sondern auch an die Gründerin des New Yorker Guggenheim-Museums.

Stuck-Villa: Die historischen Räume des Münchner Malerfürsten Franz von Stuck waren unter zum Teil sehr schwierigen Bedingungen restauriert worden. Ab März konnten sie, die eine sublim-raffinierte Aura ausstrahlen, wieder besichtigt werden.

Florian Süssmayr gehört zu den Hätschelkindern der neuerdings akzeptierten gegenständlichen Malerei. Das Haus der Kunst strich ihn heraus, und im Kunstbau war er in "Junge Kunst aus München" vertreten (Februar).

Toulouse-Lautrec, Henri de, ist ein Selbstläufer. Und so konnte die Hypo-Kunsthalle mit einer opulenten Grafik-Präsentation auch einen Riesenerfolg verbuchen (ab Februar).

Unermüdlich trommelte das Comité Cuvilliés, um Geld zu sammeln für die Sanierung des zauberhaften Rokokotheaters. Die Münchner Bürgerschaft spendete mit Leidenschaft für dieses Gesamtkunstwerk aus bildender und Bühnen-Kunst.

Van de Loo, Otto, liebt seit Jahrzehnten wild bewegte Farben. Deswegen sammelte er Gemälde der Münchner Gruppe Spur und der internationalen Cobra. In der Pinakothek der Moderne konnte man in die existenzielle Dynamik dieser Kunst eintauchen (Februar).

"Wasser" war das eigentlich gute Thema einer fachübergreifenden Exposition in der Hypo-Kunsthalle. Die Umsetzung machte daraus jedoch ein ängstliches, fantasieloses Projekt, das nur mit einer Reihe von herrlichen Romantikern versöhnen konnte (ab Juni).

XY- jetzt doch gelöst! Wer kannte schon die Sammlung Bollert? Nun haben die schönen spätmittelalterlichen Skulpturen aus dem süddeutschen Raum eine Heimat im Nationalmuseum gefunden: in eigens eingerichteten Sälen (ab Dezember).

Zwanzigerjahre: Sie faszinieren uns mehr als die anderen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Das Modemuseum im Stadtmuseum ließ uns eintauchen in diese kesse Zeit (bis 5.3.06).

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