Gipfeltreffen

- Die Europa GmbH. Über Risiken und Nebenwirkungen einer Zivilgesellschaft. So der augenzwinkernde Titel der 7. Folge der Kulturdialoge, zu dem der Bayerische Rundfunk, die Kammerspiele und das Instituto Cervantes an diesem Sonntag Jutta Limbach und Jorge Semprun an einen Tisch brachten. Die ehemalige Verfassungsrichterin und der Buchenwaldhäftling. Die Wissenschaftlerin und der Ex-Kulturminister. Die Präsidentin des Goethe-Instituts und der europäische Intellektuelle.

<P>Die Voraussetzungen für ein vielstimmiges und emphatisches Gipfeltreffen hätten besser nicht sein können. Warum es trotzdem nur zu einem gepflegten Tischgespräch kam, bleibt eine Frage, die nur mit Vermutungen zu beantworten ist. Möglicherweise war der Respekt vor der weit gespannten, geistigen wie realisierten Biografie des Gegenübers zu groß, um sich in so kurzer Zeit nahe zu kommen. </P><P>In einem Punkt waren sich beide einig: "Europa beginnt, etwas Wirkliches zu sein!" Aus der Euro-Vision ist inzwischen ein politisches Projekt geworden. Die Anforderungen sind konkret: Integration der Bürger in den Verfassungsdiskurs. Ausarbeitung einer normativen Ethik und zivilgesellschatlicher Perspektiven, die ein friedliches Zusammenleben in Wohlstand sichern. Einheit kann nur entstehen, wo Vielfalt möglich bleibt.<BR><BR>Die Moderatorin Cornelia Zetzsche kämpfte gegen diese Einmütigkeit auf verlorenem Posten. Ihre kritischen Fragen nach den Risiken und Nebenwirkungen konnten dem europäischen Verantwortungsfuror einer Jutta Limbach nichts anhaben. "Wir haben hier nach 1957, nach Maastrich eine dritte Chance!" </P><P>Und die sieht so aus: auf supernationaler Ebene ein Organisationsgefüge zu gestalten, an dem wir uns in Zukunft orientieren können. Schluss also mit dem Gestaltungsnirwana immer neuer Verträge und Verordnungen. Und hin zu einem "kleinen Dokument", das die Grundprinzipien der Verantwortung und die Demokratie-Chancen für den Bürger nachvollziehbar macht, fordert Limbach.<BR><BR>Um die zirkulierenden Gedankenströme auf einen Punkt zu bringen: Weltbürger sein bedeutet, im Alltag demokratisch zu handeln, um in der Praxis die Kapazität für europäisches Denken zu erweitern. Denn vom Pantoffeldemokraten zum mündigen, aktiven Europäer ist es noch ein großer Schritt.<BR><BR>Semprun, "der Europäer schlechthin", wurde nicht müde, die Verquickung von nationalem Selbstverständnis und der Fähigkeit zum Weltbürgertum zu betonen. Als in Frankreich lebender Spanier weiß er, wovon er spricht. Schnell skizzierte er eine Linie vom Jakobinertum über die napoleonische Einheit und Kolonialpolitik zum stabilen Selbstbewusstsein der Franzosen. In den französischen Europa-Diskurs mischen sich leise Obertöne patriotischer Affekte. </P><P>Warum dennoch keiner der Kandidaten diese Debatte bei den jüngsten französischen Präsidentschaftswahlen mit auf die politische Tagesordnung gesetzt hat, gehört zu den Rätseln, die die Welt komplizierter und die Europäische Vision diffuser machen. Jetzt kommt es im bisher bürgerfernen Verfassungsdiskurs darauf an, das Richtige zu tun. Das hat dieser Kultur-Dialog mehr als deutlich gemacht. Dabei fällt Deutschland eine zentrale Rolle zu. Unser "Grundgesetz als Exportschlager" (Limbach) hat europaweit Maßstäbe gesetzt. </P><P>Durch die geleistete Trauerarbeit nach dem "Zivilisationsbruch zwischen '33 und '45" haben wir gelernt, die totalitaristische Vergangenheit von einer demokratischen Zukunft zu scheiden. Wir sollten unser Erfahrungskapital nutzen, um die europäische Vision in ein globales Gefüge einzupassen. Wenn miteinander sprechen die Realisierung des Erkennens ist, dann war diese Matiné´e eine schöne Übung europäischer Verständigungspolitik. Das letzte Wort hat die Präsidentin: "Wer die Welt verändern will, muss tiefer träumen und wacher handeln."</P><P><BR> </P>

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