Gipfeltreffen der besonderen Art

- Samstagnachmittag in Regensburg. In der Kutschergasse des fürstlichen Marstallmuseums verschafft sich eine energiegeladene Stimme Gehör. "Das erkennt doch ein Blinder mit dem Krückstock!" Wer spricht? Es ist die Fürstin von St. Emmeram, die mit koboldhaftem Charme und gesundem Menschenverstand eine ihrer unnachahmlichen Reden schwingt. Ihr Sujet: das künstlerische Werk einer der berühmtesten Fotografen der internationalen Szene. Candida Höfer und Gloria von Thurn und Taxis - ein Gipfeltreffen der besonderen Art. Die beiden geben ein schönes Bild ab. Die strahlende, wirbelnde Fürstin neben der Becher-Schülerin mit dem protokollierenden Blick. Die obsessive Selbsterneuerin neben der ordnenden Dokumentaristin. Unnachgiebig und stilbewusst sind sie beide.

<P>Die Münchner Galerie Rüdiger Schöttle hat jetzt in Regensburg die neue Werkgruppe der Fotografin vorgestellt: "Schloss St. Emmeram". Und was selbst ein Blinder mit dem Krückstock als ein Bild von Candida Höfer identifizieren dürfte, zeigt den klösterlichen Kapitelsaal mit den Regalfluchten des historischen Postarchivs. Die Erfindung des europäischen Postwesens gehört zu den betriebswirtschaftlichen Glanzleistungen in den Annalen des Thurn-und-Taxis-Hauses. </P><P>"Das erkennt doch ein Blinder mit dem Krückstock!"<BR>Gloria von Thurn und Taxis<BR><BR>In ihren frühen Ehejahren setzte die Schlossherrin bekanntlich andere Akzente. Doch als der Fürst bei seinem Tod 1990 seiner jungen Frau eine stolze Immobilie, eine unrentable Unternehmensgruppe und Steuerschulden in zweistelliger Millionenhöhe hinterlässt, belegt diese ein Selbststudium in Betriebswirtschaft.<BR><BR>In nur einer Dekade gelingt es der Fürstin, das TNT-Imperium wieder in eine der einfallsreichsten Dynastien Europas zu verwandeln. Ihr Erfolgsrezept: ein medienwirksames Charisma aus Pragmatismus, Innovationslust und raffiniertem Mut zu unkonventionellen Lösungen. Dabei ist Ihre Durchlaucht eine exzellente PR-Agentin in eigener Sache. Souverän wechselt sie vom Standbein aufs Spielbein.<BR><BR>So seltsam die Liaison zwischen der Fürstin und der Fotografin zunächst wirken mag. Sie hat eine innere und äußerst zeitgemäße Logik. Im FAZ-Fragebogen gab Fürstin Gloria auf die Frage "Was möchten Sie sein?" die programmatische Antwort: "ein Elefant im Porzellanladen". Dieser Porzellanladen ist jetzt auf einem der großformatigen Bilder zu sehen. Sieben Meter fürstliches Geschirr und Tafelsilber auf weißem Damast. Drei Tage war die Fotografin im letzten Sommer auf St. Emmeram zu Gast. Auf Einladung der Fürstin, die die Arbeiten von Candida Höfer verfolgt hatte, sich mit Kaufabsichten trug, aber zu keiner Entscheidung kam. Eine Bibliothek? Ein zoologischer Garten? Oder ein Museumsbild? <BR><BR>Auf der letzten Biennale in Venedig, im deutschen Pavillon, den die Fotografin mit ihren Bibliotheksbildern bezwungen hatte, entstand die Idee, den eigenen Regensburger Schlosskomplex als Motiv für eine neue Werkgruppe vorzuschlagen. Raumbilder aus den Schatzhäusern Deutschlands haben eine lange Tradition. Das Wittelsbacher Album mit seinen handkolorierten Interieur-Zeichnungen gehört zu den schönsten Bild-Archiven dieses Genres, das Wohnstrukturen als Herrschaftsstrukturen abbildet. Die Serie "St. Emmeram" ist eine Übertragung dieser Tradition in ein neues Medium und eine andere Dimension. Eine dokumentarfotografische Expedition, die gerade durch das Nebeneinander von Zeit- und Stilebenen und eine Reihe irritierender Details überzeugt.<BR><BR>Da ist die überraschende Unschärfe auf einem alten Spiegel. Das Gebrauchsdesign einer Projektionswand, die von einem Vortrag übrig geblieben ist. Ein kleines Transistorradio auf der Fensterbank im Wirtschaftsraum der ehemaligen Sattlerei. Oder auf dem Spiegel im großen Ballsaal die Kamera mit der Hand der Fotografin, die einen Hinweis gibt auf ihr Versteck hinter dem roten Samtvorhang. Candida Höfer arbeitet ausschließlich mit dem Licht, das sie vorfindet. Farbloses Tageslicht und die gelben Lichtkegel und -kränze der Kronleuchter und Tischlampen überblenden sich mit den Reflexen auf Vitrinenglas, Blattgold und glänzendem Parkett. Dennoch sind die Bilder alles andere als auratische Inszenierungen adliger Kultur. Sie sind respektvoll, nicht überhöhend. Keine spektakuläre Perspektive, keine inszenierte Ordnung der Dinge. Sie zeigen, was ist. Akribisch und diskret. Diese Haltung macht uns das Blickprivileg der Fotografin vergessen.<BR><BR>Als Betrachter fühlt man sich nicht als Voyeur in einer fremden, halbprivaten Welt, sondern als Zeuge einer stillgelegten Zeit. Candida Höfer betreibt Raumforschung, keine Enthüllung. Im grünen Palmenzimmer steht der Schreibtisch von Fürst Albert, dem Großvater des gleichnamigen Erbprinzen. Unverändert das Arrangement der vielen Accessoires und Fotos. Der Arbeitsplatz war sein Hauptlebensraum. Im privaten Salon der Fürstin herrscht ein bunter, heiterer Stilmix aus Tradition und Moderne. Schwere Fauteuils neben Designersesseln. Ein Schwein von Jeff Koons ragt von rechts ins Bild, eine Arbeit von Bill Viola flackert neben dem Kamin, an zentralem Ort wacht ein monströser Hase mit Pferdeschwanz von Thomas Grünfeld. Ein skurriles, gemütliches Theatrum mundi, in dem sich dynastisches Geschichtsbewusstsein mit emphatischer Zeitgenossenschaft mischt.</P><P>Emmeramsplatz 5, Tel. 0941/ 50 48 133, www.thurnundtaxis.de.<BR><BR></P>

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