Gipfeltreffen der Opernwelt

Was das Verdi- und Wagner-Jahr bringt

München - Wagner und Verdi, gegensätzlicher könnten zwei Komponisten nicht sein. Oder? Beide wurden vor 200 Jahren geboren - nicht die einzige Gemeinsamkeit.

Begegnet sind sie sich nie. Und was sie über einander gedacht haben, bleibt Mutmaßung. Richard Wagner und Giuseppe Verdi haben ein Problem: Wahrgenommen werden sie als Gegensätze, als zwei Pole, zwischen denen sich die Opernwelt im 19. Jahrhundert neu ausrichtete. Dabei haben sie mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt. Natürlich zuallererst ihren Geburtstag: 200 Jahre her ist der in diesem Jahr. Wagner wurde am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren, Verdi am 10. Oktober 1813 in Le Roncole. Ein, nein: Der Grund, weshalb die Musikwelt heuer heißläuft – wer kräht da noch nach Mozart oder Puccini?

Doch es gibt auch andere Gemeinsamkeiten. Die große Vorliebe für Schiller zum Beispiel. Wagner schrieb „nur“ die Ouvertüre „Die Braut von Messina“, Verdi immerhin solche Schwergewichte wie „Luisa Miller“ (nach „Kabale und Liebe“) und „Don Carlos“. Das „unsichtbare Orchester“, wie es Wagner mit dem Bayreuther Graben verwirklichte, fand auch Verdi verführerisch. Und beide verfolgten eine Erneuerung des Musikdramas – und näherten sich hier auf eigentümliche Weise an. Verdi, vom Belcanto kommend, mit dem Spätwerk um „Otello“ und „Aida“, Wagner, von der deutschen Romantik und Spieloper kommend, ab „Tristan und Isolde“.

Ein Kuriosum ist: Verdi schrieb zwar die populäreren Melodien, man denke nur an „La donna e mobile“ oder den „Gefangenenchor“, mehr Wind verursacht aber hierzulande Wagner. Auch wenn den manch einer als „zu schwer“ ablehnt: Bayreuth gilt noch immer als das Festival schlechthin – selbst für diejenigen, die nicht im Traum daran denken, sich jemals auch nur eine Karte zu bestellen.

Naturgemäß ist der Grüne Hügel das Zentrum der Wagner-Feierlichkeiten. Am 22. Mai dirigiert dort Christian Thielemann das Geburtstagskonzert mit anschließendem Fest in der Stadt, ab 26. Juli kommt der mit Spannung erwartete neue „Ring des Nibelungen“ heraus. Kirill Petrenko, Münchens künftiger Staatsopern-Generalmusikdirektor, dirigiert, Frank Castorf führt Regie. Keine Wagner-Premiere dagegen an der Bayerischen Staatsoper: Die Münchner haben ihr Pensum in der vergangenen Spielzeit mit einem neuen „Ring“ erledigt, hier widmet man sich nun Verdi. Am 3. Juni hat „Simon Boccanegra“ Premiere, am 27. Juni der „Troubadour“ in der Traumbesetzung Jonas Kaufmann/ Anja Harteros. Wagner-Nachwehen gibt es dafür vorher vom 6. bis 27. Januar im Nationaltheater: die Nackedei-Fotos, für die Spencer Tunick im vergangenen Sommer Hunderte von Kleidungslosen auf Münchner Plätzen arrangierte. Etwas seriöser geht es dagegen im Deutschen Theatermuseum in München zu. Dort ist ab 22. Mai die Ausstellung „Der Ring des Nibelungen in München“ zu sehen. Konkurrenz könnte diese Schau von der einzigen Stadt bekommen, die im Titel einer Wagner-Oper vorkommt: Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg lädt ab 21. Februar zur Ausstellung „Wagner – Nürnberg – Meistersinger“.

In der Schweiz startet ebenfalls ein neuer „Ring“, der aus Münchner Sicht interessant ist: Dieter Dorn und Jürgen Rose bringen die Tetralogie am Grand Théâtre in Genf heraus, Premiere des „Rheingolds“ ist am 9. März.

Wo denn nun das Mekka der Verdi-Welt liegt, das lässt sich schwer sagen. Die Mailänder Scala begreift sich zwar als solches, doch Impulse gehen von ihr längst nicht mehr aus. Gerade hat sie ihre Saison ausgerechnet (und zum Entsetzen vieler) mit „Lohengrin“ eröffnet. Linderung verspricht da der nächste Spielzeit-Start am 7. Dezember mit Verdis „La traviata“ – Diana Damrau übernimmt dabei erstmals die Titelrolle.

Auch in Verona tut sich Entscheidendes. Eine Arena ohne „Aida“ ist nicht vorstellbar, zum Verdi-Jahr bietet das Festival gleich zwei Variationen: Ab 14. Juni ist dort eine Neuinszenierung von La Fura dels Baus zu erleben, die Truppe ist, man erinnere sich nur an Münchens aktuelle „Turandot“, auf (Video-)Spektakel spezialisiert. Traditionalisten und Elefantenfreunde müssen sich nicht grämen, im August läuft dort wieder die „alte“ Inszenierung.

Auch unsere Zeitung wird Sie durchs große Geburtstagsjahr begleiten. Mit vielen Kritiken zu Verdi- und Wagner-Aufführungen. Mit Buchvorstellungen und Interviews. Und am 22. Mai mit einem Extra: Der gesamte Kultur&Leben-Teil widmet sich Wagner. Prominente kommen zu Wort, es gibt Hintergrundberichte, Wissenswertes und Tipps unter anderem zu den Opern und ihren Einspielungen. Anstreichen muss man sich dies im Kalender nicht unbedingt – das weltweite Tamtam zum doppelten Geburtstag lässt sich ja nur schwer ignorieren.

Markus Thiel

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