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Ihr Triumph: Evelyn Herlitzius in der Titelpartie der Elektra (li.), hier mit Waltraud Meier als Klytämnestra.

Mit Glanz und Gloria

Dresden - Die beste „Elektra“: Christian Thielemann startete an der Dresdner Semperoper ins Richard-Strauss-Jahr. Lesen Sie hier die Kritik.

Pflichtübungen sind ja meistens eines: lästig. Und genau auf das läuft es bei vielen Häusern hinaus, wenn sie sich – 150. Komponistengeburtstag im Juni hin oder her – zu höchstens einer Premiere hinreißen lassen oder vom Schimmel ältlicher Repertoirekost mit Stars ablenken. Richard Strauss, der ewige Rosenkavalier als der Opern-Opa, zu dessen rundem Jubelfest sich keiner gern bequemt? München sieht mit einer (gleichwohl fulminanten) „Frau ohne Schatten“ jedenfalls sein Pensum erledigt, Dresden feuert dafür aus allen Rohren: gerade „Elektra“-Premiere, der Erstling „Guntram“ demnächst konzertant, im Juni eine „Feuersnot“ im Schlosshof plus Ballettabend, im November edelst besetzte Festtage.

Aber die Elbstadt hält schließlich den Rekord. Mehr Strauss-Uraufführungen gab es andernorts nie. Außerdem: Ein besseres Orchester fürs Hochkalorische dieses Klangrattenfängers sitzt nirgendwo im Graben, erst recht wenn in der Semperoper der Chef kocht. 100 Minuten ArtridenMordlust mit Christian Thielemann, das lässt Hemden und Seidenkleider schweißdurchweichen. Eine bessere „Elektra“? Da muss man schon zu legendären alten Aufnahmen greifen, live findet man Vergleichbares keinesfalls. Und dass nicht nur weil Thielemann den Überwältigungsdramatiker gibt, weil er seine Kapelle mit Glanz und Gloria Eruptives ausspielen lässt. „Mehr, mehr“, möchte man da rufen – und staunt gleichzeitig über anderes.

Thielemanns „Elektra“ ist extremistisch in einer weiteren Dimension: Sie ist unerhört genau. Dort, wo andere über Schnelles schluffig hinwegholpern, wo sich Fortissimi vordergründig und diffus ballen, gibt es in Dresden Trennkost. Jeder Baustein vertrackter Streicherverläufe ist hörbar, jede Schichtung im Strauss’schen Klangsteinbruch präsent. Das Motiv-Wetterleuchten in Elektras Monolog, das Kaleidoskop der Farben und Nuancen in Klytämnestras Traumerzählung inklusive der Allusionen an Wagners „Siegfried“, besonders die Nachbarschaft zum „Rosenkavalier“, all das hört man bei der Staatskapelle überdeutlich heraus. Besonders Letzteres: Während mancher Kollege die „Elektra“ als Durchbruch zu Moderne dirigiert, begreift sie Thielemann als letztes, gleichwohl wildes, ungebändigtes Aufbäumen der Romantik. Verstörend, aufregend ist das trotzdem.

Die meiste Zeit, auch das ist beste Kapellmeistertugend, bleiben die Sänger hörbar. Für Evelyn Herlitzius als Elektra wird der Abend zum Triumph. Die Stimme war noch nie ein Fall für den Schönheitspreis. Doch Intensität, Unbedingtheit, der Wille zur Entäußerung, das Phänomen, wie sich hier ein gleißender, hervorragend fokussierter Sopran durchs Orchester fräst, all das macht die Herlitzius zur Idealinterpretin. Schon im Monolog schont sie sich nicht, und man bangt, ob das für den Marathon reicht. Doch je länger das Stück dauert, desto besser, präsenter, stärker wird sie. Und ist dabei der Gegenentwurf zu Anne Schwanewilms.

Die gestaltet die Chrysothemis als kontrollierte, brave, tantenhafte Schwester der Titelheldin, bleibt dabei etwas unterbelichtet. Dafür nutzt René Pape die kurze Orest-Partie zu risikolustigen Eskapaden. Und Waltraud Meier räumt als Klytämnestra mit allen Klischees auf. Kein geiferndes Muttermonster ist sie, das würde auch gar nicht zur schönstimmigen Texttreue des Stars passen. Eine Gebrochene, Passive, Schwache tritt hier auf. Der Gattenmord hat offenbar alle Kräfte verbraucht. Und als ihr die Nachricht vom angeblichen Tod des verhassten Sohnes eingeflüstert wird, bricht sie nicht ins (stückgemäß vorgeschriebene) Lachen aus, sondern zusammen.

Auch das ist wohl ein Ergebnis von Barbara Freys Regie. Die Chefin des Zürcher Schauspielhauses, am Münchner Resi unter anderem für „Endspiel“ und „Onkel Wanja“ gefeiert, heizt die Tragödie nicht zusätzlich an. Alles Versehrte, Gebrochene, Bindungsgestörte. Eine „Elektra“ ohne Schweiß, Blut und Beil. Pur, reduziert und konzentriert. Die Umarmung der Titelheldin und Orest ist der erste echte Körperkontakt. Was sich Barbara Frey als Isolierung, als ein aneinander Vorbeileben denkt, driftet jedoch ins Halbkonzertante. Der Musik, das ist löblich, vertraut sie, doch gleichzeitig gähnen dabei die Regie-Leerstellen.

Die Mägde-Szene zu Beginn ist so gut wie nicht vorhanden, Klytämnestra und Elektra bleiben im zentralen Streitgespräch viel zu vereinzelt. Und dass alles in einem holzvertäfelten Innenraum spielt (Muriel Gerstner), der auf einen unvollendeten Festsaal im Flughafen Tempelhof anspielt, bietet keinen Mehrwert – und amüsiert eigentlich nur einen: den Berliner Dirigenten, der auf der Premierenfeier ausführlich davon erzählt. Über seinen „Tristan“, auch so eine kritische Opernmasse, meinte Wagner einst, „vollständig gute Aufführungen müssen die Leute verrückt machen“. Immerhin: Da hat Barbara Frey die Dresdner vor Schlimmem bewahrt.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen

am 22., 25. und 31. Januar; Telefon 0351/ 491 17 05.

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