Das Mariinskij II in St. Petersburg, in dem sich das alte Mariinskij spiegelt. Es steht auf der anderen Seite des Kriukov-Kanals.

In St. Petersburg

Mariinskij II: Glanz und Schatten

St. Petersburg - In Sankt Petersburg eröffnete Intendant und Münchens designierter Philharmoniker-Chef Gergiev das Mariinskij II. Ein Abend voller Pomp.

Sie funkelten um die Wette: die Lüster aus Swarovski-Kristallen oben und die Frauen mit ihren Juwelen unten. Hände rafften bodenlange Kleider, Absätze stöckelten über den Boden und vorsichtig die Glastreppe hinauf, die sich durchs Foyer schwingt wie ein kurviger Laufsteg. Für die Kamerateams ein idealer Ort, um sich zu positionieren und all diejenigen in ihren Objektiven zu bannen, die zu ihren Sitzplätzen flanierten.

Es war ein besonderer Abend: Das neue Mariinskij eröffnete – endlich, nachdem über zehn Jahre lang an dem Prestigeprojekt gefeilt worden war. Die Petersburger haben sich von ihrem neuen Theater viel erwartet – umso enttäuschter sind viele jetzt von dem, was architektonisch dabei herausgekommen ist. Sankt Petersburg gilt als Kulturhauptstadt Russlands, doch das historische Mariinskij ist seit Jahren marode, die Bühnentechnik veraltet. Aufwändige zeitgenössische Produktionen aufzuführen, das ist hier unmöglich. Schon 1997 bat deshalb Intendant Valerij Gergiev, der ab 2015 neben seinem Amt in Petersburg auch die Münchner Philharmoniker leiten wird, den damaligen Präsidenten Jelzin um einen Neubau.

Was dann folgte, war ein langjähriges Hin und Her. Kein Architekt schien gut genug, schließlich sollte das Mariinskij II etwas ganz Besonderes werden. Ein erster Entwurf des Amerikaners Eric Owen Moss war zu avantgardistisch – und wurde 2002 verworfen. Genau wie das Projekt des Franzosen Dominique Perrault, der das neue Mariinskij mit einer riesigen Goldkuppel überwölben wollte. 2008 wurde er entlassen – angeblich, weil seine Kuppel 400 technische Fehler aufwies. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass auch sein Entwurf den Offiziellen zu extravagant war. Den dritten und letzten Wettbewerb gewann vor vier Jahren das kanadische Architekturbüro Diamond Schmitt in Kooperation mit der russischen KB ViPS.

Was dieses Tandem nun produziert hat, ist absolute Durchschnittsarchitektur, die sich der russische Staat mehr als eine halbe Milliarde Euro hat kosten lassen. Zwar bezeichnete Architekt Jack Diamond das Mariinskij II vor den eingeladenen Journalisten als „Echo“ der historischen Altstadt: Das Gebäude greife architektonische Elemente wie die typischen Petersburger Metalldächer auf und füge sich so sensibel in seine Umgebung ein. Davon kann jedoch keine Rede sein. Das neue Mariinskij erinnert an eine massive Schachtel und erdrückt nicht nur das alte Mariinskij, das direkt nebenan auf der anderen Seite des Kriukov-Kanals steht, sondern auch alle anderen Gebäude in der Umgebung. Die geschwungenen Metalldächer vor dem Eingang des Hauses wirken allenfalls wie eine Bushaltestelle. Kein Wunder also, dass die Petersburger entsetzt waren, als vor ein paar Wochen die Baugerüste entfernt wurden und sie den lang erwarteten Neubau zu sehen bekamen.

Nach all den Querelen um das Gebäude fiel die Eröffnungsgala umso prunkvoller aus: Die neue Spielstätte weihte niemand geringerer als Vladimir Putin höchstpersönlich ein. Der russische Präsident bedankte sich nicht nur bei Intendant Gergiev für dessen „unbändige Energie“, der allein man das neue Theater zu verdanken habe, sondern gratulierte ihm auch zu seinem 60. Geburtstag, der genau auf den Tag der Eröffnung fiel. Was dann folgte, war eine Show der Superlative, bei der das Mariinskij II alles zeigte, was es zu bieten hat: Anna Netrebko, Plácido Domingo, Olga Borodina und René Pape – das waren nur einige der Opernstars, die gekommen waren, um eindrucksvoll zu beweisen, wie brillant die Akustik im 2000 Zuschauer fassenden Saal ist. Selbst in den hintersten Reihen der Balkone taucht der Zuschauer ganz in Musik und Gesang ein. Für den guten Klang sorgen unter anderem speziell geformte Gipsverkleidungen an den Wänden des Saals und ein schwingender Holzboden.

Natürlich trat auch das berühmte Ballett mit Stars wie Diana Vishneva und Ekaterina Kondaurova auf, das ebenso wie die Sänger auf einer fahrenden Bühne von den Kulissen auf die Szene glitt. Überhaupt ist die Technik wohl einer der größten Fortschritte im neuen Haus: Das Mariinskij II besitzt drei bewegliche Bühnen, die sich voneinander isolieren lassen und so ganz neue Möglichkeiten eröffnen: Während auf der Hauptbühne eine Vorstellung gezeigt wird, kann hinten mit komplettem Bühnenbild geprobt werden. Unterdessen können in anderen Bereichen der Bühne schon neue Kulissen aufgebaut werden. Für Intendant Gergiev eine große Erleichterung: „Wenn wir im alten Mariinskij eine große Produktion wie ,Krieg und Frieden‘ gezeigt haben, dann mussten wir das Theater fünf oder sechs Tage lang schließen, um das Bühnenbild aufzubauen und alles vorzubereiten. Das können wir uns in einer großen Stadt mit vielen Touristen, die oft nur für ein paar Tage kommen, einfach nicht leisten.“ Im neuen Mariinskij sei die Bühnentechnik dagegen so ausgereift, dass man pro Tag bis zu drei verschiedene Stücke zeigen könne. Die Bühnenbilder zu wechseln dauere maximal eine Stunde. Im neuen Haus sollen deshalb vor allem technisch aufwändige Stücke aufgeführt werden.

Die verbesserte Bühnentechnik, erklärte Gergiev, sei aber nur ein Grund dafür gewesen, weshalb er sich so dringend ein neues Theater gewünscht habe. „Noch wichtiger bei der Entscheidung für einen Neubau waren für mich Kinder und Jugendliche.“ Im neuen Mariinskij gebe es mit dem Amphitheater im Foyer endlich einen Raum für Vorstellungen im kleinen Rahmen. Hier, erklärte Gergiev PR-wirksam, sollten in Zukunft regelmäßig Kammerkonzerte und Bildungsprojekte für junge Leute stattfinden. Das alte Mariinskij will Gergiev bei all dem auf keinen Fall vernachlässigen: „Wir werden nie auf dieses ruhmreiche Theater herabsehen. Das neue Haus wird vom alten lernen, nicht umgekehrt.“

Von Katharina Mutz

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