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Kapitel Identität: Der Mensch von einst war genauso darauf bedacht, sich und seine Gruppe herauszustellen, wie heute – alter Schmuck und neue Fußballfan-Zier.

Glanzstücke aus Bayerns Boden

München - Jubiläumsausstellung „Menschen und Dinge“: Eine Schau zum 125-jährigen Bestehen der Archäologischen Staatssammlung München:

Bayerns älteste Krone, Frankens älteste Haube, Bayerns älteste Christus-Darstellung. Aus Millionen von Objekten hat die Archäologische Staatssammlung München, die die Funktion eines zentralen archäologischen Landesmuseums für unseren Freistaat erfüllt, 125 Exponate ausgewählt. Gilt es doch, heuer das 125-jährige Bestehen zu feiern – auch wenn das Geld dazu fehlt und das 1974 errichtete Museum dringendst saniert werden muss. „Konservatorische Lieblingsstücke“ seien das, sagt Projektleiterin Andrea Lorentzen, man wolle den Menschen als Schöpfer hervorheben. Sein Vermächtnis verbindet uns mit ihm über Jahrtausende hinweg, viele Eigenheiten sind ohnehin gleich geblieben, und wir profitieren von den Leistungen unserer Ahnen – technisch und künstlerisch.

Deswegen empfangen den Besucher beim Entree in die Ausstellung „Menschen und Dinge“ auch Faustkeil und Venus, also Werkzeug und Kunst/Religion. Der Rahmen, ein Großfoto (1960), dokumentiert die mühselige Arbeit der Ausgräber; in diesem Fall am Kelten-Oppidum in Manching. Gegenüber führt eine Schautafel durch die Geschichte der Sammlung selbst. Ihre „Gründung“ wird auf 1885 datiert, als der Anthropologe Johannes Ranke seine Sammlung Bayern übergab. Viele Komplexe der Archäologischen Staatssammlung seien jedoch viel älter, bis zu 250 Jahre, berichtet ihr Direktor Rupert Gebhard. Er freut sich, trotz der Sparmaßnahmen (30 Prozent Reduzierung in 20 Monaten) über die „exquisite Ausstellung“ und den Jubiläumsband „Glanzstücke des Museums“.

Die zeitliche Spannweite der Präsentation reicht von der Steinzeit bis in die frühe Neuzeit. Man hat die Exponate – von Schmuck bis Schriftstücke, von Plastiken bis Mosaiken, von Gussform bis Chirurgenbesteck – aber nicht chronologisch geordnet, sondern nach Kapiteln wie Identität, Kommunikation, Herrschaft oder Technologie. Auf diese Weise wird klar: Eigentlich hat sich von einst zu jetzt gar nicht viel geändert. So wollte sich die alte Fränkin (10. Jh. v. Chr.) mit einer gewellten Bronzeblech-Verzierung für ihre Haube hervortun – wie heute zum Beispiel ein Fußballfan mit Kopfschmuck: Den Vergleich mit unserer Gegenwart zwischen Europa und dem fernen Orient ermöglicht eine Dia-Serie. Und sie öffnet den Blick auf die Welt. Denn in der Sammlung finden sich auch Objekte etwa aus dem Königreich Urartu (Ostanatolien) oder Syrien. Diese „Globalisierung“ entsprach nicht bloß dem Interesse der Sammler. Sie entspricht zugleich der Lebenswirklichkeit in alter Zeit. So ist zum Beispiel die Kreis-Punzierung der erwähnten ältesten Krone (Bernstorf, 14. bis 13. Jh. v. Chr.) verwandt mit den Verzierungen der Mykene-Zeit. Und dass ein immer wohlhabender werdendes Bayern von anno dazumal Luxusgüter einführte, verstand sich von selbst. Der metallene Parfüm-Flakon in Form eines Nubierkopfs zeigt gleich, woher man den Duft bezog.

„Das ist eine Ausstellung zum Schauen und Denken“, betont Gebhard. Viele Werke müssten interpretiert werden, und das sei nicht nur den Altertumsforschern vorbehalten, daran könne sich jeder Museumsbesucher beteiligen. Etwa bei einer der ältesten Plastiken, der „Roten von Mauern“ (25 000 v. Chr.). Diese rot gefärbte Statuette, ein Zwitter aus weiblichen Formen und einem Phallus, diente wahrscheinlich dem Fruchtbarkeitskult. Weniger optisch spektakulär, dafür im Alltag umso umwälzender sind die technischen Revolutionen, die durch einige Exponate angedeutet sind: Wie erzeuge ich aus einem Stein effizient möglichst viele Klingen und Keile? Was stellt man mit dem Prinzip Rad an? Fahren, Bohren, Töpfern...? Wie nutzt man Feuer und Wasser? Und dann ist da sogar der erste Kunststoff: das Glas.

Bis 13. Juni 2011, Di.-So. 9.30-17 Uhr, Lerchenfeldstraße 2, Tel. 089/ 21 12- 402, Katalog (Deutscher Kunstverlag): 19,90 Euro.

Simone Dattenberger

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