Ich glaube an den Augenblick

- Seit gut 50 Jahren ist sie für ihre unverkennbare Bühnenerscheinung berühmt. Juliette Gréco, die Grande Dame des französischen Chansons, wurde 1927 in Montpellier als Tochter eines korsischen Polizeibeamten geboren, debütierte 1949 am Pariser Boeuf sur le toit, war die Muse Sartres und Préverts. Bis heute verleitet sie ein Publikum in allen Teilen der Welt mit minimalen äußeren Mitteln, dafür mit emotionsgeladenem Gesang und großer Ausdruckskraft zu Jubelstürmen. Heute Abend ist Juliette Gréco zu Gast im Münchner Prinzregententheater (20 Uhr).

<P>Sie bleiben Ihrer Dramaturgie und einem Großteil Ihres Repertoires seit vielen Jahren treu. Ist es in einer schnelllebigen Zeit wichtig, Kontinuität mit bewährten Mitteln zu demonstrieren? <BR><BR>Gréco: Das denke ich nicht. Ich mache einfach das, was ich mag, mit Leidenschaft, mit Liebe. Ich glaube nicht an Kontinuität, an morgen. Ich glaube an den Augenblick, das Gegenwärtige und den Austausch zwischen dem Publikum, mir und meinen Musikern, der sehr stark ist. <BR><BR>Schwarz ist Ihr Markenzeichen, die Farbe Ihrer Kleidung und Schminke. Ist sie als Symbol für die Melancholie Ihrer Texte zu verstehen? <BR><BR>Gréco: Überhaupt nicht. Ich bin ein sehr heiterer Mensch, der viel lacht. Schwarz bedeutet für mich Schutz und gleichzeitig eine nackte, schwarze Tafel - wie in der Schule. Das Publikum kann sie beschreiben, mit dem was ihm gefällt. Wenn es will, kann es sich auch einen bunten Weihnachtsbaum vorstellen, ich aber nicht. Ich möchte die Schlichtheit der Auftritte bewahren. <BR><BR>Entwickelt sich das französische Chanson in der Tradition der Piaf, des Jacques Brel weiter durch neue Interpreten wie Goldman, Kaas oder Bruel? Wie sehen Sie die heutige Musikproduktion? <BR><BR>Gréco: Natürlich gibt es eine Fortsetzung. Die Texte sind gelegentlich weniger stark als die von Brassens oder Prévert. Aber man hat auch heute eine schöne Ausdrucksform gefunden Themen musikalisch darzustellen, zum Beispiel der Rapper MC Solaar. <BR><BR>Sie waren mit den Schauspielern Philippe Lemaire und Michel Piccoli verheiratet, geben heute mit Ihrem dritten Mann Konzerte, dem Komponisten und Pianisten Gérard Jouannest. Ist es leichter oder schwieriger mit jemandem aus der eigenen Familie auf der Bühne zu stehen? <BR><BR>Gréco: Er ist nicht aus meiner Familie . . . (lacht). Auf der Bühne ist es nicht mein Mann, sondern einfach einer meiner Musiker, der Komponist meiner Lieder, ein musikalisches Genie. Dort interessieren mich seine Talente, sein feinsinniges Gespür für Arrangements. Er ist mein Mann, aber dass ist ein Zufall (lacht). <BR><BR>Im Februar sind Sie 75 geworden. Spielen Sie hin und wieder mit dem Gedanken sich die anstrengenden Konzertreisen nicht mehr anzutun? <BR><BR>Gréco: Aufhören? Niemals! Ich weiß nicht wann ich aufhöre, vielleicht in einer Woche, vielleicht viel später. Vielleicht erst, wenn ich gestorben bin. Ich weiß es einfach nicht. <BR><BR>Haben Sie aktuelle Pläne? Wird wieder eine CD erscheinen? <BR><BR>Gréco: In nächster Zukunft sicher nicht. Vor ein paar Jahren habe neue Lieder mit Texten meines langjährigen Dichters Jean-Claude Carrière aufgenommen, 1999 erschien der Live-Mitschnitt eines Konzertes aus dem Odéon in Paris. Für mich ist es wichtiger Konzerte zu geben, etwa eines im Monat, im Sommer weniger, im Winter mehr. <BR><BR>Unterscheiden sich Ihre Auftritte bei Festivals wie Tollwood von anderen Gastspielen? Spüren Sie die Frankophilie im deutschen Publikum? <BR><BR>Gréco: Das kann gut sein. Ich liebe das Publikum, diese Räume durch ihre Beschaffenheit, den Charakter eines Amphitheaters. Es sind wirklich immer Orte wunderbarer Liebe und Zuneigung. Man hat den Eindruck, dass die Menschen die Sprache gut verstehen und beherrschen. <BR></P><P>Das Gespräch führte Felix Mauser<BR><BR></P>

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