Ausstellung in der Kunsthalle

Glaube macht glücklich

München - Glaube macht glücklich: Das zeigt die Ausstellung  mit „Mit Leib und Seele – Münchner Rokoko“ in der Kunsthalle.

Wenn wir in die Kirchen und Schlösser Altbayerns schauen, bekommen wir den Eindruck, dass die Bayern des 18. Jahrhunderts eigentlich schon seit ewigen Zeiten aufs Rokoko gewartet hatten. Das war ihre Kunst, die ihr Wesen im Innersten traf, egal ob Magd oder Pfarrer, Adeliger oder höhere Tochter. Rokoko ist Erde und Himmel zugleich, ist Lust und Vergeistigung in einem, Spiel und Ernst, Überfülle und feine Balance. Die Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung und das Freisinger Diözesanmuseum, das zurzeit wegen Baumaßnahmen geschlossen ist, haben sich zusammengetan, um dem Rokoko zu huldigen. Nach 30 Jahren ist diese bayrischste aller Kunstphasen wieder in einer großen Schau präsent: „Mit Leib und Seele – Münchner Rokoko von Asam bis Günther“.

Klugerweise beschränkten sich der Freisinger Kurator Christoph Kürzeder und die hiesige Kollegin Ariane Mensger. Die Münchner Großmeister Cosmas Damian und Egid Quirin Asam, Johann Baptist Straub und Ignaz Günther, flankiert von Anton Bustelli, Roman Anton Boos und anderen Könnern, stehen im Mittelpunkt. Und sakrale Kunst. Das höfische Rokoko schwingt ohnehin darin mit – und hätte die Ausstellung schlichtweg gesprengt. Das Gesamtkunstwerk Schloss beziehungsweise Kirche aus Malerei, Skulptur, Architektur, Ausstattung ist ohnehin in keine Exposition zu transferieren. Aber die Asamkirche, Residenz oder die Amalienburg sind ja nicht weit.

Mutig starten die Kuratoren ihr Rokoko-Panorama mit einer Dame, die für die Verbreitung des Christentums wichtig, aber auch eine schillernde Figur ist: die Heilige Helena, Mutter von Konstantin. Ignaz Günther (1725–1775) beweist mit ihrer Statue frappierende psychologische Tiefenanalyse. Die überlebensgroße, weiß gefasste Skulptur, die deswegen wirkt, als sei sie aus Porzellan, ist vielschichtig: Von der Seite betrachtet, begegnet uns eine arrogante Königin mit leichtem Doppelkinn, die neben dem kleinen Zepter ein riesiges goldenes Kreuz hält. Treten wir einen Schritt zur Seite und schauen ihr direkt ins Gesicht, wird der erste Eindruck korrigiert. Betet die Frau mit fast geschlossenen Augen? Sind ihre Züge mild und weich, oder sitzen um Mundwinkel und Oberlippe nicht Schalk und Ironie? In der imposanten Dame, die mit ihren Kollegen Augustinus, Norbert und König David von Freising-Neustift nach München gereist ist, spiegelt sich die Weisheit des Rokoko: Bei aller Heiligkeit übersieht man das Allzumenschliche nicht, und menschliche Schwächen schließen Heiligkeit nie aus.

Dem Prinzip folgt Cosmas Damian Asam (1686–1739), wenn in seinem Bozzetto (Entwurfsgemälde) für die Kuppel der Münchner Dreifaltigkeitskirche zum Beispiel Gott Vater quasi im Geschwindigkeitsrausch zu seinem Sohn düst. Dem folgt sein Bruder Egid Quirin (1692–1750), wenn er einen Nepomuk (Stuck) mit Kruzifix modelliert und dabei der Not der Menschen zweifach ins Antlitz blickt. Denn Rokoko ist nicht nur verspielt, wie viele glauben, ist nicht nur Engelein und Heiderdei, sondern auch aufkommende Aufklärung, Skepsis dem alten Pathos gegenüber und gleichzeitig tiefe Gläubigkeit. Bei Straubs (1704–1784) Heiligen Agathe, Florian, Sebastian und Rochus aus Tegernsees Pfarrkirche liest der Besucher aus den Gesichtern, dass Glaube glücklich macht.

Dabei sind fast alle Figuren beschwingt, in lässiger Bewegung, die Gewänder meint man rauschen zu hören – Glaube macht Spaß und locker. Und zu diesem Welttheater lädt stets eine Schar Engel ein, Vermittler zwischen Himmel und Erde. Die Kunst-Vermittler sind die Rocaillen. Von ihnen hat das Rokoko den Namen. Das muschelartig geschwungene Ornament hält als tierisch-floral-architektonisches Element die Gesamtkunstwerke zusammen.

Wunderbar ist für den Betrachter bei der Kunsthallen-Schau, dass er alle Arbeiten viel unmittelbarer als in der Kirche erleben kann – und als Solitäre. Herausgelöst aus dem jeweiligen Total-Konzept beweist jedes einzelne Exponat seine fabelhafte Qualität.

Simone Dattenberger

Bis 12. April 2015

täglich 10–20 Uhr, 24. 12. geschlossen; der Katalog, Sieveking Verlag, bezieht alle Kirchenräume mit ein: 35 Euro.

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