Gleicher Herzschlag

- Was Sparzwänge nicht alles bewirken können. Staatsballettchef Ivan Liska, der in München 1998 antrat ohne jegliche Choreographie-Absichten, in den Tiefen seines (Tänzer-)Herzens bekanntlich auch ein Modern-Dance-Enthusiast ist, hat nun ausgerechnet den klassischsten aller Klassiker, Petipas "Dornröschen" von 1890, neu inszeniert. Und meisterhaft sogar. Da ist man platt. Applaussturm, Bravi, Blumenbouquets wie sonst im Nationaltheater nur bei Opernpremieren.

<P>Wirklich ein Ereignis. Hier endlich hat Liskas Staats-Ensemble Elite-Flair, das man von ihm erwarten kann. Was es allein schon ausmacht, wenn die Besetzung stimmt: Lisa-Maree Cullum, die edelste Aurora, eine Prinzessin bis in den makellosen Rücken, den Nacken, die hochmusikalischen Arme. Und all das tanzt und wiegt sich auf der sichersten Spitze. Roman Lazik ein Dé´siré´, ein hochgewachsener Wunsch-Prinz wahrlich. </P><P>Seine schlanke Technik wird jetzt noch überhöht durch eine selbstverständlich gewordene Danseur-noble-Allüre. Da ist eine Entwicklung sichtbar. Dass Cullum und Lazik Tanz im gleichen Herzschlag erfühlen, ist ja seit langem bekannt. Und technisch brillanter, glamouröser als Maria Eichwald und Lukas Slavicky die Blauen Vögel getanzt haben, können es auch die Londoner und Pariser Etoiles nicht. Hier paart sich Flug- und Spitzensicherheit mit Tanzkultur.<BR><BR>Aber zu Liskas Heldentaten: Geplant war ja ursprünglich eine Neuinszenierung von Anthony Dowell (Ex-Royal-Ballet-Chef) und David Roger (Ausstatter). Mit der Oper spar-solidarisch, verwendete Liska die Ausstattung des hiermit beerdigten Peter-Wright-"Dornröschens" (seit 1976 im Repertoire). Und siehe da: Bei einem so geschliffen geprobten, von innen heraus strahlenden Ensemble (auch die Ballettmeister haben alles gegeben) kann man mit einem Auge über Peter Farmers (ja, ja, "oldfashioned") gemalte, braun-düstere königliche Innenarchitektur hinwegsehen. Park- und Waldszenerie (Akt I und II) haben jedoch immer noch Romantik-Charme. Und auch seine Tütüs und Kostüme (die mit günstigen Stoffen nachgenähten erkennt man) wären wirklich zu schade für eine Entsorgung.<BR><BR>Russische Stilrichtung</P><P>Zur Ökonomie ein diplomatisches Geschick in Choreographie und Inszenierung. Der Prolog wirkt mit langsamen Tempi zwar ein bisschen schleppend, die Feen-Variationen wie Bleich-Oblaten der "footwork"-brillanten Feen beim Engländer Peter Wright. Erst in der Folge wird dieser negative Eindruck aufgesogen von einem sehr harmonischen Gesamtbild. Liska hat, wie Wright auch, auf das Petipa-Original (beziehungsweise, was dafür gilt) zurückgegriffen. </P><P>Für die Prinzen-Variationen wählte er Versionen von den Petipa-Schülern und -Nachbearbeitern Fedor W. Lopuchow und Konstantin Sergejew. Da kommt Roman Laziks lyrische Begabung noch einmal voll zur Geltung. Insgesamt strebt das Ballett also eher in eine russische Stilrichtung, offensichtlich auch gefördert durch die intensive Auseinandersetzung mit der Klassik-Expertin Irina Jacobson. Sie hat sicher zum Gelingen beigetragen. Ihr Verdienst wahrscheinlich auch, dass das Ensemble so stilistisch sauber und homogen auftritt.<BR><BR>Immerhin zeigt Liska aber auch eigene kreative Initiative. Gelegentlich wiederholen sich die Schritte auf allzu viele Takte. Aber logisch-flüssig die höfischen Gruppen-Arrangements. Sehr schön walzert der Girlanden-Tanz. Allerliebst die kleinen Ratten der Heinz-Bosl-Stiftung, die sich ganz professionell und mit Anmut integrieren lassen.<BR><BR>Anders als bei Wright auch zwei weitere wichtige Rollen: Das Gegensatz-Paar Böse und Gute Fee. Carabosse wird bei Liska wieder wie im Original von einem Mann getanzt. Norbert Graf, leidenschaftlicher Darsteller, zwingt die ihm vorgegebene Bewegung fast in einen expressionistischen Tanz à la Harald Kreutzberg. </P><P>Die Fliederfee, die bei dem Engländer nur mit gütig wedelnden Ports de bras durch die Landschaft schritt, darf hier tanzen. Statt mit Désiré auf einem nebelumwaberten Nachen auf die Suche nach Dornröschens Schloss zu gehen, hat Sherelle Charge, viel entspannter, souveräner als früher, einen ineinander fließenden Pas de deux mit Lazik.<BR><BR>Ja, und Tschaikowsky: Myron Romanul, der bei der neuen Zusammenstellung der Nummern mitgedacht hat, trägt die Tänzer auf Noten und inspiriert das Staatsorchester, und noch eine Spur mehr in den neuen längeren Intermezzi, zu symphonischer Höchstleistung. Jetzt will man "Dornröschen" gleich wieder sehen, mit Lucia Lacarra und Cyril Pierre (20. 12.). Mit Maria Eichwald, Stuttgarts neuer Ballerina, als Münchner Gast im Januar 2004. </P>

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