"Gleichschaltung" wird fühlbar

- "Hakenkreuzhäuser" in der Neuhauser Hanfstaenglstraße 16-22 oder in der Bogenhauser Donaustraße 25 - noch heute hübsche, gepflegte Wohnkomplexe. Ein Schulbau hier, eine Siedlung dort, ebenso wie Ministerium oder Firma. Wer die Ausstellung "Ort und Erinnerung - Nationalsozialismus in München" in der Pinakothek der Moderne durchwandert, geht durch die Stadt. Und wenn er Einheimischer ist, Schwabinger, Milbertshofener oder Sendlinger, wird er aufschrecken: Viel mehr, als er gedacht hat, ist dieses Geflecht aus Straßen und Häusern durchsetzt von Plätzen, die nationalsozialistische Geschichte enthalten. Plötzlich wird die "Gleichschaltung" fühlbar; wird die NS-Verseuchung des urbanen Umfelds und damit der Gesellschaft erfassbar.

"Mein Leben ist zur Hölle geworden."

Else Behrend, "Heimanlage" für Juden

Zusammen mit dem Stadtarchiv hat das Architekturmuseum der TU München diese Schau für seine Säle in der PDM entwickelt. Eine eindeutig aufklärerische Präsentation ohne emotionalisierende Objekte und Personalisierungen, wie sie viele Museumsleute heutzutage bevorzugen. Der Besucher wandelt in der dritten Pinakothek hingegen durch riesige, wie Betttücher an der Wäscheleine aufgehängte "Blätter" eines Stadtführers. Orientierung geben Farben für die einzelnen Kapitel; etwa Rot für "Aufstieg der NSDAP" oder Gelb für "Wirtschaft und Industrie". Die Leitfarben finden sich dann je Abschnitt auf den Übersichtsstadtplänen wieder. Bei "Zwangsarbeit und Lager" erkennen wir mehr als 400 Zwangsarbeiterlager und 39 KZ-Außenlager über das Münchner Gebiet verteilt. "Das hat jeder gesehen", mahnt Museumschef und TU-Professor Winfried Nerdinger, der schon oft die "Hauptstadt der Verdrängung" analysiert hat.

Alle acht Kapitel, die "Entrechtung und Verfolgung" oder "Widerstand" genauso verzeichnen wie "Durchdringung der Gesellschaft", haben mehrere Stadtführer-Blätter. Pro "Seite" werden ein Haus und seine Geschichte mit Text, alten und aktuellen Fotos vorgestellt. Nerdinger, der sich seit Jahrzehnten für einen engagierten, offenen Umgang mit Münchens NS-Vergangenheit und folglich auch für das NS-Dokumentationszentrum einsetzt, betont immer wieder: "Unser Gedächtnis funktioniert ortsbezogen." Bald könnten wir uns nicht mehr auf Zeitzeugen beziehen, "aber authentische Orte geben Dauer". Wichtig ist ihm darüber hinaus: "Die Schau ist ein weiterer Schritt zum NS-Dokumentationszentrum, sie ist aber nicht das Dokumentationszentrum." Eine Bemerkung, die nur zu verstehen ist, wenn man weiß, wie lange und trickreich Stadt und Staat die Auseinandersetzung mit der "Hauptstadt der Bewegung" hinausgezögert haben. Gerade öffentlich gut sichtbare Denkmale gibt es nicht. Die vorhandenen sind unscheinbar bis peinlich genauso wie die diversen Gedenktafeln. Selbst die bescheidenen "Stolpersteine" bringen den Stadtrat zum Straucheln. Die jetzige Exposition darf also nicht als "Ausrede" dienen, das Zentrum weiterhin zu vernachlässigen.

"Ich weiß, wofür ich mein Leben lasse."

Walter Klingenbeck

100 Orte hat das Ausstellungsteam für München ausgewählt und deren Historie erzählt. Den Anfangspunkt setzte es mit dem Sterneckerbräu im Tal 54 (heute Nummer 38), wo der Arbeiter Anton Drexler 1919 die Deutsche Arbeiterpartei gründete und ein gewisser Adolf Hitler als Reichswehr-Spitzel schnüffelte. Nicht links waren diese Arbeiter, dafür benutzbar für Hitlers Ziele. Ein Jahr später gab's schon die NSDAP, 1921 war Drexler abserviert. '33 wurde im Sterneckerbräu das NSDAP-Parteimuseum eröffnet. Auch später taucht die Arbeiterschaft wieder auf. Der 1. Mai wurde zum Feiertag erhoben und Chance für Protz-Aufmärsche - Ort: Theresienwiese. Zur Umklammerungsstrategie passte der Angriff der SA auf das Gewerkschaftshaus Pestalozzistraße 40/42 nach den Wahlen vom 5.3.'33, dem die Polizei einfach zuschaute ("Entrechtung und Verfolgung"). Ab Mai wurde der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund getilgt; es gab nur noch die Nazi-Zwangsorganisation "Deutsche Arbeitsfront".

Zum Kapitel "Entrechtung und Verfolgung" gehören "harmlose" Orte wie die Uni-Frauenklinik an der Maistraße, wo jedoch 1318-mal zwangssterilisiert wurde, aber auch die "Arisierung", die in einem Extra-Stadtplan dokumentiert wird. Die radikale Ausplünderung der jüdischen Bürger begann 1933 mit Boykotten. '38 wurde sie mit Terror durchgesetzt und '40 abgeschlossen. Der "kleine" Parteigenosse war ebenso beteiligt wie Finanzämter oder Industrie- und Handelskammer. Dann folgen die Orte, an denen die Juden zusammengepfercht wurden, um sie leichter in den Tod schicken zu können (Judenhäuser, Lager in Berg am Laim und an der Knorrstraße).

Dass in der Nazi-Stadt München nicht jeder "braun" war, dass es sogar todesmutigen Widerstand gab, verzeichnen einige Beispiele. Etwa Walter Klingenbeck (1924-1943 hingerichtet), katholisch, ideologisch unabhängig. Er informierte sich durch "Feindsender", traute sich das "Victory"-Zeichen auf die SS-Kaserne zu malen und plante Flugblätter.

Bis 28. Mai, Tel. 089/ 23 80 53 60, Katalog, Anton Pustet Verlag: 24 Euro. Ebenfalls lesenswert von Nerdinger: "Architektur, Macht, Erinnerung" im Prestel Verlag: 29,95 Euro.

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