Globalisierung und Wendezeit

- Das verstehe, wer will: dass die Oper "Die Gezeichneten" von Franz Schreker (1878-1934) nicht längst schon zum Repertoire unserer Musiktheater gehört. Außer in Stuttgart vor zwei Jahren, führt das 1914 entstandene und 1918 uraufgeführte Werk ein unverdientes Schattendasein. Aus dem nun wollen die Salzburger Festspiele, will Regisseur Nikolaus Lehnhoff diese Oper holen. "Die Gezeichneten" haben am 26. Juli in der Felsenreitschule Premiere. Es dirigiert Münchens zukünftiger GMD Kent Nagano. In der leicht schwülen, in der Renaissance spielenden Geschichte um Liebe und Kunst, Exzess und Tod singen u. a. Anne Schwanewilms, Robert Brubaker, Wolfgang Schöne und Michael Volle.

"Die Gezeichneten" - das ist ein mehrdeutiger Titel. Was sehen Sie darin? Lehnhoff: Es geht um gescheiterte Lebensentwürfe. Um Ersatzwelten, künstliche Paradiese. Es geht um Alviano Salvago, einen sehr reichen, genuesischen Edelmann, der sich den Realitäten des Lebens entzieht und sich einrichtet in seiner Scheinwelt, aus der er ziemlich unsanft erwacht.

Dieser Alviano wird von Schreker, der auch Verfasser des Librettos ist, als "hässlicher Mann" markiert. Was ist für Sie "hässlich"? Lehnhoff: Die Kehrseite von Schönheit. Ich sehe Alviano und seinen Gegenspieler Tamare spiegelbildlich: Tamare, der voll auslebt, was Alviano alles nach innen verdrängt. Die Oper läuft zum Schluss auf die Konfrontation dieser beiden Prinzipien hinaus. Sie sind zwei Seiten einer Medaille. Indem er Tamare tötet, tötet Alviano auch diese Seite in sich ab. Er vernichtet sich damit selbst und verfällt dem Wahnsinn. Mich interessiert also nicht die Rigoletto-Variante. Mich interessieren die Triebverdrängungen der Menschen, die sich hinter Masken und Verkleidungen einrichten in diesem Rollenspiel mit tödlichem Ausgang.

Aber sind das hier nicht alles Außenseiter: Alviano, der ein Insel-Elysium geschaffen hat, das er selber nicht betritt, auf dem aber die gesellschaftliche Elite ihre Exzesse lebt; Carlotta, die herzkranke Malerin, die den hässlichen Mann liebt, sich aber Tamare hingibt, dem kraftstrotzenden Lebemann? Lehnhoff: Natürlich. Künstler, hochlabil, die sich nicht bekennen zu ihren Trieben. Bis aus der Illusion Desillusion wird, aus ihrem Traum ein Trauma.

Also auch ein Künstlerdrama? Lehnhoff: Ja, auch. Aber nicht nur. Hier herrscht ein Endzeitklima. Es ist Wendezeit. Eine gewisse Orientierungslosigkeit. Eine sich auflösende Gesellschaft. Heute, fast 100 Jahre später, haben wir wieder so ein Klima.

Am Ende wird in Schrekers Oper die Lustinsel, das mit aller Kunst geschaffene Refugium, zerstört. Wenn diese Oper das Ende einer Gesellschaft markiert, bedeutet das auch das Ende ihrer Kunst. Was für eine Kunst kommt danach? Lehnhoff: Was folgen wird, das muss als Frage im Raum stehen bleiben. Aber das Ende einer Kunst und einer Zeit ist auch heute abzusehen. Die Globalisierung bringt die große Wende. Wir spüren doch alle, dass uns irgendwann der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Wir sind hier vielleicht in 100 Jahren nur noch eine Art Disneyland, in das die Chinesen Eintritt zahlen, um es zu besichtigen.

"Die Gezeichneten" ist eines jener Werke, das die Nazis mit dem Etikett "Entartete Musik" brandmarkten. Warum ist wohl diese Oper bis heute relativ unbekannt geblieben? Lehnhoff: Das weiß ich nicht. Aber es ist gar nicht zu verstehen, dass dieses Stück so selten gespielt wird. Wenn man es kennen lernt, öffnen sich einem immer mehr Türen und Fenster und führen hinein in den Schrekerschen Kosmos. Die Musik hat wirklich Qualität, sie ist süffig. Für alle Beteiligten eine sehr dankbare Sache. In den 20er-Jahren waren die Schreker-Opern sehr beliebt, sie wurden mehr gespielt als die von Richard Strauss.

Eine problematische Szene enthält das Werk dennoch - die Orgie am Schluss. Wie ist das heute zu inszenieren, ohne in Peinlichkeit zu geraten? Lehnhoff: Bei der Uraufführung 1918 in Frankfurt war das natürlich ein Skandalon. Aber das Stück läuft nun einmal Zug um Zug auf das Pandämonium hinaus. Wenn es um die Enttarnung geht, geht es auch um Tötungen, um sexuelle Riten. Das war damals unerhört. Heute aber haben längst die Medien die tiefsten und geheimsten Winkel der menschlichen Existenz ausgeleuchtet. Wo ist heute noch ein Tabubruch? Da muss man sich Gedanken machen. Da kann man nicht nackte Mädchen in Ketten auf die Bühne bringen. Das wäre ein zu alter Hut.

Das Interview führte Sabine Dultz

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