Der glorreiche Dekan der Musik

- Carlo Maria Giulini galt als ein Meister seines Fachs, als einer der ganz Großen unter den Dirigenten. Vielleicht hatten ihm sein ausgeprägter Hang zum Perfektionismus und seine Abneigung gegen glamouröse Auftritte den Ruf des "heiligen Carlo" eingebracht. Er selbst sah sich stets als "Diener der Musik". Wie gestern bereits gemeldet, starb der Künstler im Alter von 91 Jahren in einer Klinik im norditalienischen Brescia.

Giulini brillierte als Operndirigent, war ein Wegbegleiter der Maria Callas, setzte neue Maßstäbe als Orchesterleiter. Als ihn Herbert von Karajan 1985 als Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern vorschlug, fühlte er sich von der Offerte zwar überwältigt und geehrt, lehnte jedoch ab.<BR><BR>"Er steht gelassen und elegant auf dem Podium, die Beine leicht eingeknickt, die Arme ausgebreitet - wie ein Grashüpfer vor dem Sprung", beschrieb ihn einmal eine Konzertbesucherin. "Dann kommt Bewegung in ihn, geballte Energie, und Musik erfüllt den Raum." Kurz vor seinem 85. Geburtstag kündigte der Maestro seinen Abschied vom Pult an. Doch der Kosovo-Krieg ließ ihn noch einmal zum Dirigentenstab greifen. In Mailand erschallte Beethovens "Pastorale" - für die Flüchtlingshilfe jenseits der Adria. Fans jubelten: "Der glorreiche Dekan der Musik ist zurückgekehrt."<BR><BR>Sein Debüt als Operndirigent gab Giulini 1948 mit Verdis "La Traviata". In den 50er-Jahren leitete er die Mailänder Scala und erlangte mit Verdis "Don Carlo" und "Falstaff" am Londoner Covent Garden Weltruhm. Längst wurde er als Verdi-Spezialist und Mozart-Interpret gefeiert, als er sich Mitte der 60er-Jahre vom schillernden Opernbetrieb zurückzog.<BR><BR>Nach Konzertreisen in den USA und einer großen Japan-Tournee leitete er von 1973 bis 1976 die Wiener Symphoniker. Später wurde er als Nachfolger von Zubin Mehta Musikdirektor beim Los Angeles Philharmonic Orchestra. 1984 kehrte er nach Europa zurück, konzentrierte sich auf Konzerte und Plattenaufnahmen.<BR><BR>Giulini wurde am 9. Mai 1914 in Barletta bei Bari geboren, wuchs in Bozen auf und studierte in Rom. Als junger Bratschist spielte er unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler, Richard Strauss und Igor Strawinsky. Es waren prägende Lehrjahre, Werktreue wurde sein oberstes Gebot. Von sich und anderen forderte Giulini Höchstleistungen. Während seiner Tourneen soll er Orchestermitglieder beiseite genommen haben: "Wir müssen versuchen, es besser zu machen. Gut ist nicht gut genug."<BR><BR>

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